Der 21-jährige Elias Molle hat ein Praktikum in einem Altenpflegeheim gemacht. In dieser Zeit hat er ein Tagebuch geführt, das wir in Auszügen veröffentlichen.

Neunzehnter Tag

Weil heute Morgen noch niemand Kaffee gekocht hat, lohnt es sich nicht, sich noch einmal hinzusetzen, bevor wir anfangen dich zu duschen. Da sitzt du aber auch schon in dem Flur, auf dem Sofa im Nachthemd, rufst irgendwas und ich wundere mich nur, dass ich dich nicht wie üblich aus dem Bett zerren muss. Dafür bleibt heute etwas Zeit, um auf Wünsche einzugehen: Dreimal hintereinander den Rücken waschen, weil das so schön ist.

Ich wasche erst dich und dann deinen Zimmernachbarn und beim Bettenbeziehen sehe ich deine Fotos an der Wand, denen du nicht mehr ähnelst. Auf einem Foto warst du dick, gesellig und mit Ausdruck – Eigenschaften, die ich nicht von dir kenne. Und weil du keine Eigenschaften mehr hast, braucht man sich auch nicht um sie zu kümmern. Deshalb sollst du heute auch wieder solange am Tisch sitzen bleiben, bis du aufgegessen hast. Und solange du da alleine vor deinem vollen Teller sitzt, unterdrücke ich meine Wut und sorge dafür, nicht ausfällig zu werden. Das würde uns beiden nicht helfen.

Dann soll ich dir noch im Bett das Essen reichen und du röchelst und spuckst vor dich hin. Hätte ich die Decke zurückgeschlagen, hätte ich vielleicht schon frühzeitiger bemerkt, dass dein Bein gerade abstirbt. Verstopfung der Arterien. Das Blut kann ab deinem Oberschenkel nicht mehr weiterfließen. Du wirst vom Notdienst abgeholt und alle hoffen, dass du einschläfst, bevor sie dir das Bein amputieren.

Zweiundzwanzigster Tag

Ich habe verschlafen und komme zu spät. Letzte Nacht bist du gestorben und man hätte nichts weiter für dich tun können. Die meisten hatten dich auch schon vergessen, weil du die letzten Monate nur im Bett verbracht hast. Nur eine Bewohnerin weint um dich. Diese Bewohnerin war deine Zimmernachbarin, auch sie konnte sich nie deinen Namen merken.

Es kommt in mir der Wunsch auf, dass ich dich tot gesehen hätte. Nicht weil ich noch nie einen toten Körper gesehen habe, sondern weil ich mir dann sicher wäre, dass du nun Ruhe hast. Wir haben dich noch so viel mit Essen und Trinken und Waschen gequält, dass du nun endlich froh sein kannst, weg zu sein.

Der Wahnsinn geht zum Glück immer weiter. Eine Bewohnerin hat ihre Zähne verloren. Sie seien an einem trockenen Ort, sagst du. Nach stundenlanger Suche finden wir die Zähne, platziert auf einem Blumenstrauß. Darüber kann ich ruhig mit dir lachen. Ich habe keine Träne geweint, aber gelacht an diesem Tag. Lachen ist menschlich. Sterben ist menschlich. 
Ich hoffe, du kannst ruhig schlafen.

Fünfundzwanzigster Tag

Es heißt Abschied nehmen. Obwohl man hier täglich nichts anderes macht als sich zu verabschieden. Es sind die ganz neuen Dinge, die ich im Kopf behalten werde. Deine Elefantenhaut, dein langsamer Gang, dein ständig müdes Gesicht. Am Mittagstisch wird sich wegen des halbvollen Zuckerstreuers gestritten. Der war gestern schon so leer und niemand hat ihn nachgefüllt.

Mein nächstes Praktikum ist im Kindergarten. Ich sage Tschüss, zu den einen mehr, zu den anderen weniger herzlich. Einige bedanken sich bei mir, ich bedanke mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen und gehe noch einmal den Flur entlang, an dessen Türen die Gesichter der Bewohner kleben, die ich in diesen Tagen kaum kennengelernt habe.

Bestimmt habe ich einiges falsch gemacht, aber ich bin zufrieden mit mir. Einmal krank, einmal verschlafen, ein Toter – eine gute Bilanz. Die Arbeit, die die Menschen hier machen, ist eine gute Arbeit, die Einrichtung ist das Schlimme. Und das Essen. Nur leider bist du immer noch hier, wenn ich schon wieder weg bin.

Wir warten beide auf den Tod, aber bei mir lohnt sich das Warten.

Hier finden Sie den ersten Teil und hier den zweiten Teil des Textes.