Leserartikel

Altenheim-TagebuchWir warten beide auf den Tod

Man tut hier täglich nichts anderes, als sich zu verabschieden. Aber wenn ich weg bin, bist du immer noch hier. Ein Leserartikel von Elias Molle

Leeres Pflegebett

Ein leeres Pflegebett  |  © krockenmitte/photocase.com

Der 21-jährige Elias Molle hat ein Praktikum in einem Altenpflegeheim gemacht. In dieser Zeit hat er ein Tagebuch geführt, das wir in Auszügen veröffentlichen.

Neunzehnter Tag

Weil heute Morgen noch niemand Kaffee gekocht hat, lohnt es sich nicht, sich noch einmal hinzusetzen, bevor wir anfangen dich zu duschen. Da sitzt du aber auch schon in dem Flur, auf dem Sofa im Nachthemd, rufst irgendwas und ich wundere mich nur, dass ich dich nicht wie üblich aus dem Bett zerren muss. Dafür bleibt heute etwas Zeit, um auf Wünsche einzugehen: Dreimal hintereinander den Rücken waschen, weil das so schön ist.

Ich wasche erst dich und dann deinen Zimmernachbarn und beim Bettenbeziehen sehe ich deine Fotos an der Wand, denen du nicht mehr ähnelst. Auf einem Foto warst du dick, gesellig und mit Ausdruck – Eigenschaften, die ich nicht von dir kenne. Und weil du keine Eigenschaften mehr hast, braucht man sich auch nicht um sie zu kümmern. Deshalb sollst du heute auch wieder solange am Tisch sitzen bleiben, bis du aufgegessen hast. Und solange du da alleine vor deinem vollen Teller sitzt, unterdrücke ich meine Wut und sorge dafür, nicht ausfällig zu werden. Das würde uns beiden nicht helfen.

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Dann soll ich dir noch im Bett das Essen reichen und du röchelst und spuckst vor dich hin. Hätte ich die Decke zurückgeschlagen, hätte ich vielleicht schon frühzeitiger bemerkt, dass dein Bein gerade abstirbt. Verstopfung der Arterien. Das Blut kann ab deinem Oberschenkel nicht mehr weiterfließen. Du wirst vom Notdienst abgeholt und alle hoffen, dass du einschläfst, bevor sie dir das Bein amputieren.

Zweiundzwanzigster Tag

Ich habe verschlafen und komme zu spät. Letzte Nacht bist du gestorben und man hätte nichts weiter für dich tun können. Die meisten hatten dich auch schon vergessen, weil du die letzten Monate nur im Bett verbracht hast. Nur eine Bewohnerin weint um dich. Diese Bewohnerin war deine Zimmernachbarin, auch sie konnte sich nie deinen Namen merken.

Elias Molle
Elias Molle

Elias Molle ist 21, lebt in Leipzig und lässt sich zum Sozialassistenten ausbilden. Seit fünf Jahren tritt er auf Poetry Slams auf. Er hat zwei Gedichtbände veröffentlicht und moderiert den U-20-Slam SPAM in Hannover.

Es kommt in mir der Wunsch auf, dass ich dich tot gesehen hätte. Nicht weil ich noch nie einen toten Körper gesehen habe, sondern weil ich mir dann sicher wäre, dass du nun Ruhe hast. Wir haben dich noch so viel mit Essen und Trinken und Waschen gequält, dass du nun endlich froh sein kannst, weg zu sein.

Der Wahnsinn geht zum Glück immer weiter. Eine Bewohnerin hat ihre Zähne verloren. Sie seien an einem trockenen Ort, sagst du. Nach stundenlanger Suche finden wir die Zähne, platziert auf einem Blumenstrauß. Darüber kann ich ruhig mit dir lachen. Ich habe keine Träne geweint, aber gelacht an diesem Tag. Lachen ist menschlich. Sterben ist menschlich. 
Ich hoffe, du kannst ruhig schlafen.

Fünfundzwanzigster Tag

Es heißt Abschied nehmen. Obwohl man hier täglich nichts anderes macht als sich zu verabschieden. Es sind die ganz neuen Dinge, die ich im Kopf behalten werde. Deine Elefantenhaut, dein langsamer Gang, dein ständig müdes Gesicht. Am Mittagstisch wird sich wegen des halbvollen Zuckerstreuers gestritten. Der war gestern schon so leer und niemand hat ihn nachgefüllt.

Mein nächstes Praktikum ist im Kindergarten. Ich sage Tschüss, zu den einen mehr, zu den anderen weniger herzlich. Einige bedanken sich bei mir, ich bedanke mich bei meinen Kolleginnen und Kollegen und gehe noch einmal den Flur entlang, an dessen Türen die Gesichter der Bewohner kleben, die ich in diesen Tagen kaum kennengelernt habe.

Bestimmt habe ich einiges falsch gemacht, aber ich bin zufrieden mit mir. Einmal krank, einmal verschlafen, ein Toter – eine gute Bilanz. Die Arbeit, die die Menschen hier machen, ist eine gute Arbeit, die Einrichtung ist das Schlimme. Und das Essen. Nur leider bist du immer noch hier, wenn ich schon wieder weg bin.

Wir warten beide auf den Tod, aber bei mir lohnt sich das Warten.

Hier finden Sie den ersten Teil und hier den zweiten Teil des Textes.

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Leserkommentare
  1. beschreibt der Autor die Situation..
    unverbraucht, aufmerksam, empathisch...

    Leider bestimmen wir auch das Ende unseres Lebens, wie wir jeden Tag selbst bestimmen, will sagen, wer den Sinn seines Lebens kennt, vertraut auf die Gnade der letzen Tage....
    MEin Arbeits- Leben habe ich im Dienst des Nächsten mit Freude und Begeisterung verbracht.... und bin eben genau damit weiter beschäftigt meine Hilfe anzubieten, jetzt allerdings in anderer Form.
    Es ist der Lauf der Zeit, dass wir älter und alt werden. Aber, es ist die Frage, wie sich das Altwerden und Altsein des Einzelnen gestaltet..... Zumindest kann man selbst etwas dazutun. Zufriedenheit und Sinnhaftigkeit im eigenen Leben helfen vital zu bleiben und der Wunsch wie das eigene "Ende" dieser Erdenzeit aussehen soll, darf jeder ans Universum, bzw an die Geistige WElt stellen.
    ICh vertraue darauf, dass mein Wunsch sich erfüllt. Dann werde ich aus der vollen Aktivität in die andere Welt wechseln....
    Dennoch gilt es die Auswüchse, die ein profitables Geschäftsmodell geworden sind, kritisch zu betrachten.
    Unsere Mutter wurde gut 4 J künstlich am Leben gehalten mit monatl. 7000DM Kosten. Leider konnte ich nichts unternehmen, der Vormund bestimmte das Geschehen. Und so werden Betten belegt mit wenig Aufwand und viel Einnahme, bedauerlich, aber leider wahr!!!

    3 Leserempfehlungen
  2. Immer unterbesetzt, mit Überstunden und nur Zeit für das Nötigste.
    Meine Frau arbeitet in einem r.k.. Personal wird abgewirtschaftet. Ein Ausfall ist kein Problem, die Pflegebedürftigen leiden darunter. Drei Fachkräfte und 25 Schwerstfälle? Kein Problem, hauptsache der Rubel rollt. Die Arbeitnehmer gehen kapputt und die Eigner machen die große Kohle.
    Das geht an Sklaverei. Die ARGE liefert Nachschub und so funktioniert diese Maschinerie . Wer bleibt auf der Strecke? Die Arbeitnehmer und die Pflegebedürftigen! Alles zum Kotzen und wer ist dafür verantwortlich? Die GroKO. Die müssen Fehler nicht wiederholen!

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Einer ist immer im Urlaub ,oder Krank. D.h. zwei Fachkräfte!

    • malox
    • 31. Oktober 2013 19:44 Uhr

    Das ist im Kindergarten nichts anderes.

    Zwei Fachkräfte und mit Glück noch eine Praktikantin auf 25 Kinder.
    Einer davon irgendwie immer weg: Urlaub, Fortbildung, Krankheit, (dringend nötiger und angeordneter) Überstundenabbau.

    Was im Kinderbereich schon schwierig ist, ist bei der Altenpflege unmöglich.
    Wo bei Kinder noch Überwachung stattfindet (die Eltern, der Staat) scheint es im Altenbereich fernab aller Kontrolle.

    Weil Kinder noch "in der Gesellschaft leben" und das Thema der institutionellen Kinderbetreuung in den letzten Jahren in den politischen/gesellschaftlichen Fokus gerückt ist (wenn auch tw. mit bizarren Auswüchsen), scheint dasselbe im Pflegeheim weit weg.

    Denn niemand beschäftigt sich gerne mit dem nahenden Tod, dem körperlichen und geistigen Verfall.

    Kinder bedeuten wenigstens noch Zukunft und Leben.
    Alte haben keine Lobby.

    Umso wichtiger sind solche Artikel.

  3. Einer ist immer im Urlaub ,oder Krank. D.h. zwei Fachkräfte!

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Goldgrube Pflegeheim?"
  4. aber dafür konnte ich nichts ...

  5. Ehemaliger Hospiz-Psychotherapeut hier.

    Zunächst möchte ich Elias für diese realitätsnahen und unbeschönten Tagebuchauszüge danken. Was hier manchmal als konfus bezeichnet wird, stellt m.E. die inneren Wirren und Konflikte der Arbeit sehr gut dar.

    Menschen beim Sterben zu begleiten, oder manchmal nur noch beim Sterben zuzusehen, ist Schwerstarbeit. Da bedarf es einer exzellenten persönlichen Verfassung (Resilienz) und solide, intensive Supervision - insbesondre für Anfänger. Einen Praktikanten ohne Ausbildung und Supervision auf die Gäste loszulassen ist m.E. verantwortungslos - es ist nur zu wahrscheinlich, dass sowohl Patienten als auch der Praktikant unnötig leiden.

    Dabei sind Agressionen seitens des Praktikanten, wie ja hier im dreiteiligen Text zuweilen beschrieben, durchaus normal, und als gesunde Selbstschutzreaktionen zu anzusehen.

    Für mich persönlich war die Arbeit in (einem kalifornischen) Hospiz der Anfang meiner therapeutischen Ausbildung. Aus Kostengründen wurde der fünftägige Workshop zur Hospizarbeit in diesem Jahr ausfallen gelassen. In meinem allerersten Arbeitstag sah ich gleich mal eine Leiche. Krebspatient, nur noch Haut und Knochen. Schon bald verengte sich meine Perspektive auf 'alles stirbt': Rost am Auto, ein graues Haar, Sirenen von Krankenwagen... alles stirbt.

    5 Leserempfehlungen
  6. Radfahren war plötzlich lebensgefährlich; alles was man isst krebserregend. Es gab Arbeitsschichten an denen ich mich regelrecht vor meinen Patienten versteckte, weil ich es so schwierig fand.
    Mit der Zeit wurde es dann besser.

    Wohlgemerkt waren die Menschen mit denen ich arbeitete Patienten. Aber auch zu Patienten entwickelt man eine Beziehung, und es schmerzt wenn sie verstreben. Es wird dann nochmal eine Runde schwieriger, wenn wir zu den Sterbenden eine intensive persönliche Beziehung haben, wie das zum Beispiel bei Familienmitgliedern. Da kommt dann noch eine ganz andere Dynamik dazu, insbesonde bei Demenz. Ich konnte das selbst erfahren als es dann nach ca. einem Jahr Begleitung von Sterbenden im Hospiz an die Begleitung meines eigenen Vaters ging. Leider war ich nur stellenweise involviert, weil ich ca 10.000km entfernt wohne, wenn ich aber über längere Strecken an der Seite meines Vaters war, waren die durch die Demenz verursachte Persönlichkeitsveränderung nur schwer zu ertragen. Ich habe grossen Respekt vor Verwandten, die sich um Familienmitglieder kümmern.

    Was ich aus der Zeit im Hospiz gelernt habe: Menschen durch ihren letzten Atemzug zu begleiten hat meine Angst vorm 'Todsein' ist verschwunden. Ein Gutes Buch zum Thema ist Kathleen Singh's "The Grace in Dying."

    http://www.kathleendowlin...

    5 Leserempfehlungen
  7. Meine Angst vor dem Altern und dem physiologischen Prozess des Sterbens ist allerdings gewachsen. Im Zuge dessen habe ich mich selbst dann auch über mögliche Alternativen informiert. Dabei stimme ich einem meiner Mitkommentatoren allerdings zu: Wenn man jung ist, ist es einfach zu sagen, statt zu leiden werde ich mich 'strategisch suizidieren'. Gesehen habe ich das Gegenteil: Obwohl das Leben immer kleiner und schwerer wird, halten Menschen mit aller Kraft daran fest.

    Nichtsdestotrotz ist es gut, sich über Alternativen zu informieren. "Exit International" ist eine hervorragende Quelle. Die bieten sogar Workshops an - allerdings nur auf English.
    http://www.exitinternatio...

    Abschliessend wünsche ich allen Lesern den Mut, sich mit dem Sterben so früh wie möglich auseinanderzusetzen, denn es ist einfach sehr beruhigend zu wissen, dass "…death is perfectly safe." (Stephen Levine: A Year to Live: How to Live This Year as If It Were Your Last).

    3 Leserempfehlungen
  8. dass ich seit langer Zeit hier lesen durfte. Unsere Gesellschaft wird asozial gemacht.

    6 Leserempfehlungen

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Arbeit | Körper | Praktikum | Tagebuch | Tod
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