Der Anruf des Redakteurs unserer Lokalzeitung kam aus heiterem Himmel: "Ich habe da so einen merkwürdigen Brief bekommen, in dem es um Sie geht. Könnten Sie mal in der Lokalredaktion vorbei kommen? Es ist 'ne ziemlich schmutzige Angelegenheit..."

Als ich nichtsahnend das Büro des Redakteurs betrat, zeigte er mir mit undurchdringlichem Gesicht einen Ausdruck der von mir selbst erstellten Homepage, auf der ich seit einigen Monaten erotische Dienstleistungen anbiete:
 Ein frecher Text, einige freizügige Fotos und meine Handynummer.

Neben dem Ausdruck lag ein anonymer Brief. Vier Zeilen, triefend vor Selbstgerechtigkeit und Voyeurismus, in denen jemand auf den Zusammenhang zwischen mir und eben dieser Homepage hinwies. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass besagter Redakteur sich im Vorfeld schon bei seinem Vorgesetzten rückversichert hatte und der Artikel über mich in diesem Augenblick bereits fix und fertig geschrieben in der Schublade lag.

Was tut jemand, der aus dem Hinterhalt attackiert und mit etwas konfrontiert wird, das er zwar gern tut, aber nicht unbedingt an die große Glocke gehängt haben will? Er dementiert. Also dementierte ich. Und machte damit alles nur noch schlimmer. Selbstverständlich ließ sich der Redakteur diese pikante Geschichte nicht entgehen. Sie wurde in mehreren Ausgaben ausführlich diskutiert. Mein bürgerlicher Name tauchte zwar nirgends auf, aber wer mich kannte, musste nur zwei und zwei zusammenzählen. Und so ließen die Kollateralschäden nicht lange auf sich warten. Innerhalb weniger Wochen waren mein Mann und ich gesellschaftlich isoliert.

Die braven Bürger gehen auf Abstand

Der erste, der auf Abstand ging, war der Spielleiter der Amateurtheatertruppe, in der ich seit gut einem Jahr erfolgreich mitgewirkt hatte. Zur ersten Probe nach Erscheinen des Zeitungsartikels erschien er total aufgeregt und mit der Bemerkung, er sei stocksauer. "Ich mache schließlich auch Kinder- und Jugendtheater. Was soll ich denn den Leuten sagen, wenn sie mich fragen, was diese Prostituierte im Ensemble zu suchen hat?" Nach einigen unerfreulichen Diskussionen innerhalb der Truppe beschloss ich, das Ensemble zu verlassen.

Es folgte eine Unterredung mit dem Vorsitzenden der Regionalabteilung meines Journalistenverbandes, wo ich schon seit einigen Jahren als Beisitzerin im Vorstand saß. Er legte mir den Rücktritt nahe.

Es folgte das freundliche Anschreiben der Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek, wo ich seit rund einem Jahr in unregelmäßigen Abständen den Kindern vorgelesen hatte. Sie müsse leider in Zukunft auf meine Dienste verzichten.

Beim Presbyterium meiner Kirchengemeinde, in dem ich ebenfalls seit rund eineinhalb Jahren Mitglied war, habe ich selbst die Reißleine gezogen und meinen Rücktritt erklärt.

Durch die Erwerbslosigkeit zur Sexarbeit

All diese ehrenamtlichen Tätigkeiten liefen parallel zu meiner Arbeit als Sexworkerin, oder besser gesagt: als Hobbyhure. Und ich habe darin nie einen Widerspruch gesehen. Ganz im Gegensatz zu meinem brav-bürgerlichen Umfeld.
 Aber wie hätte ich reagieren sollen, als mich der eifrige Lokalchef meiner Heimatzeitung mit den Früchten seiner Recherche konfrontierte? Hätte ich sagen sollen: "Ja, das ist meine Homepage – und wie gefällt sie Ihnen? Haben Sie vielleicht einen Job für mich?"

Ich bin durch die Erwerbslosigkeit zur Sexarbeit gekommen, genauer gesagt durch Hartz IV. Nachdem ich ein halbes Jahr Leistungen bezogen und alle geforderten Weiterbildungen brav mitgemacht hatte, kam eine Mitteilung des zuständigen Jobcenters: die Leistungen nach dem zweiten Sozialgesetzbuch würden vorübergehend ausgesetzt. Wir seien vermögend, womit unser noch nicht abbezahltes Eigenheim gemeint war. 

Rund vier Wochen nach dieser Hiobsbotschaft bekam ich nach langem Suchen einen Arbeitsvertrag: Callcenter in der benachbarten Großstadt. Teilzeit, 80 Stunden im Monat, 7,50 Euro pro Stunde. Kein Traumjob, aber besser als nichts. Das Problem war: Die Monatskarte für den öffentlichen Personennahverkehr kostete 70 Euro. Das Geld hatte ich nicht, und
 mein Antrag auf Mobilitätsbeihilfe beim Jobcenter wurde abgelehnt.