In der aktuellen Debatte werden Freier meist als potenzielle Gewalttäter dargestellt, die nur von ihrer Lust gesteuert sind und hilflose Frauen rücksichtslos ausbeuten. Viele Freier müssten bei einem Outing in ihrem sozialen und beruflichen Umfeld mit scharfer Ausgrenzung rechnen. Derzeit wird das Thema daher nur von Anbietern und Dritten öffentlich diskutiert. Ich glaube, dass sich die Gesellschaft durch diese Stigmatisierung den Zugang zu den Freiern verschließt und sich dadurch einer wichtigen Möglichkeit beraubt, die Umstände der Sexarbeit zu verbessern.

Ich bin selbst gelegentlich Freier. Und in keinem der gängigen Klischees finde ich mich wieder. Ich bin Mitte dreißig, gesund und fit, habe studiert und arbeite erfolgreich in der recht liberalen IT-Branche. In meinem privaten Umfeld bewegt sich eine größere Zahl an Sexarbeitern. Außerdem lebe ich in einer offenen Beziehung, in der es kein Problem ist, dass ich hin und wieder sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehme.

Mir ist bewusst, dass ich aus einer mehrfach privilegierten Position schreibe. Die gewieften Kritiker werden daher meine Meinung anerkennen, um sie im gleichen Atemzug dadurch zu entwerten, dass sie ja nicht zu verallgemeinern sei. Diese Rhetorik wird auch den Sexarbeitern gegenüber angewandt, die immer nur Einzelfälle seien, egal wie viele den Dialog suchen.

Die Gründe dafür, dass Menschen erotische und sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sind vielfältig. Die einen haben ein Bedürfnis nach Abwechslung oder wollen Träume und Fantasien ausleben. Andere wünschen sich körperliche Nähe ohne emotionale Verstrickungen und sozialen Aufwand. Sicherlich gibt es noch viele weitere. Und solche Wünsche haben nicht nur Männer.

Kunden wollen selbstbestimmte Sexarbeiter

Der Wunsch, Frauen zu unterdrücken und auszubeuten, dürfte auf der Liste der meisten Kunden hingegen nicht zu finden sein. Ganz im Gegenteil. Meiner Beobachtung und Erfahrung nach empfinden fast alle Kunden ausgeprägten Respekt und Achtung vor ihrem Gegenüber. Jeder Kunde wünscht sich Sexarbeiter, die selbstbestimmt und freiwillig diesem Beruf nachgehen. Sexualstraftäter, die sich als Freier tarnen, machen sich schon heute strafbar.

Ich nutze seit fast zwei Jahrzehnten die Angebote legaler Sexarbeit, von Massagen und Escort über Wohnungsbordelle bis hin zu diversen Klubs. Nicht immer stimmt für mich das Ambiente, die Situation, und dann gehe ich wieder. Aber überall treffe ich auf erwachsene, selbstbewusste Frauen, die sich aus freien Stücken für diesen Beruf entschieden haben. Mir ist klar, dass absolute Sicherheit an diesem Punkt nicht möglich ist. Einen solch hohen Standard legen wir aber an keinen anderen Beruf an. Nirgendwo sonst hinterfragen wir so vehement die Gründe, warum Menschen ihren Lebensunterhalt so und nicht anders bestreiten.