Es gibt Hoffnung für Deutschland: Deutsche Schüler schneiden heute in allen Kompetenzbereichen deutlich besser ab als bei der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000. Darüber hinaus geht es auf deutschen Schulen offenbar auch gerechter zu. Bildungspolitische Maßnahmen hätten ihre Wirkung getan, fasste Barbara Ischinger, Direktorin für Bildung bei der OECD, die Ergebnisse der neuen Studie zusammen, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Es gebe einen nationalen "Pisa-Fortschritt".

Laut Pisa 2012 sind 15-jährige Schülerinnen und Schüler in Deutschland sowohl in Mathematik als auch in Naturwissenschaft und beim Lesen deutlich besser als je zuvor. Ihre Ergebnisse liegen nun über dem OECD-Durchschnitt.  

Wie vor zehn Jahren lag der Fokus der Pisa Studie 2012 auf dem Bereich Mathematik. In der aktuellen Erhebung erzielte Deutschland darin ähnliche Ergebnisse wie Belgien, Kanada, Finnland, Polen und Vietnam. Zudem haben sich die Unterschiede zwischen Leistung und sozialer Herkunft deutlich verringert. Dies sei eine einmalige Entwicklung in Europa, sagte Ischinger. Außer Deutschland habe sich nur in Mexiko und in der Türkei seit 2003 sowohl die Leistung in Mathematik als auch die Chancengleichheit gleichermaßen verbessert.

Dieser Einschätzung schließt sich Manfred Prenzel von der TU München an. Der Bildungsforscher leitete wie bereits in den Jahren 2003 und 2006 die Pisa-Studie in Deutschland. Er führt das "erfreuliche Ergebnis für Deutschland" auf bildungspolitische Maßnahmen wie Ganztagsschulen, Schulinspektionen sowie Evaluationen des Unterrichts und die Einführung von Bildungsstandards zurück. Vor allem im Bereich Mathematik habe es Verbesserungen bei Schulbüchern und im didaktischen Bereich gegeben: "Heute sind die Aufgaben eher darauf ausgerichtet, verschiedene Lösungswege zuzulassen. Das fördert bei Schülern das Verstehen und die Freude am Lernen."

Politiker wie Johanna Wanka fühlen sich durch die Studie bestätigt: Für die Bundesministerin für Bildung und Forschung zeigen die Ergebnisse, dass Deutschland den Weckruf vor 13 Jahren ernst genommen habe. Damals war der "Pisa-Schock" Ausgangspunkt für viele Maßnahmen, deren Erfolg sich nun messen ließe, sagt Wanka. Stephan Dorgerloh, Präsident der Kultusministerkonferenz schließt sich dieser Einschätzung an: "Deutschlands Bildungspolitik ist auf einem guten Weg."   

Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen über dem OECD-Schnitt

Dennoch gebe es nach wie vor Bereiche, die zu denken geben, betont OECD-Bildungsexpertin Ischinger. In Deutschland ist der Anteil der Jungen laut Pisa 2012 in der Gruppe besonders leistungsstarker Schüler nach wie vor größer als jener der Mädchen. Am anderen Ende des Spektrums sind wiederum mehr Mädchen als Jungen vertreten. Während zwischen 2003 und 2012 die Gruppe leistungsschwacher Jungen kleiner geworden ist, hat sich die Situation bei den Mädchen nicht verändert.


Hinzu kommt, dass die Leistungsunterschiede in Mathematik zwischen Mädchen und Jungen in Deutschland nach wie vor größer sind als im OECD-Schnitt, wie die Pisa-Studie 2012 zeigt. Jungen erreichten durchschnittlich 14 Punkte mehr als Mädchen, seit 2003 hat sich dieser Leistungsabstand sogar vergrößert. Damals betrug er neun Punkte.

Geht es um die Selbsteinschätzung der Schüler, so hätten Mädchen auch weniger Vertrauen in ihre mathematischen Fähigkeiten als Jungen. Selbst da, wo Jungen und Mädchen gleiche Ergebnisse erzielen, sind Mädchen der Mathematik gegenüber negativer eingestellt. Insgesamt hätten Mädchen in Deutschland mehr Angst vor Mathe als Jungen, heißt es im Pisa-Bericht.

Nur im Bereich Lesen seien die Geschlechterdifferenzen noch deutlicher ausgeprägt: Im OECD-Schnitt lesen Mädchen laut Pisa 2012 um 37 Punkte besser als Jungen, in Deutschland ist die Differenz um sieben Punkte größer.

Studie zeigt: Jungen sind nicht einfach besser als Mädchen

"Das sollte uns zu denken geben", sagt Ischinger. Denn andere Erhebungen wie die PIAAC, in der das Alltagswissen von Erwachsenen untersucht wird, hätten gezeigt, wie wichtig mathematische Kompetenzen nicht nur für den beruflichen Erfolg, sondern auch im Alltag sind.

Deutschland verfüge über viel "ungenutztes Potenzial", besonders im Bereich Mathematik, sagt Ischinger. Denn die Vorstellung, Jungs seien einfach besser in Mathe als Mädchen, könne mit Blick auf andere Länder nicht bestätigt werden: In Finnland, Schweden, Norwegen oder der Türkei lassen sich kaum geschlechtsspezifische Unterschiede feststellen. In anderen Ländern wie Island, Schweden oder Russland schnitten Mädchen sogar besser in Mathematik ab als Jungen.


Für Dorgerloh und Bundesbildungsministerin Wanka ist klar, welche Lehren aus der Pisa-Studie gezogen werden müssen: Den eingeschlagenen Weg fortsetzen, Bildungsqualität ausbauen und sowohl leistungsschwache als auch leistungsstarke Schüler fördern.

Bildungsforscher Prenzel fordert, künftig müsse ein besonderes Augenmerk auf die Förderung leistungsschwacher Schüler gelegt werden. Auch im oberen Leistungsbereich gebe es Handlungsbedarf. Das verlange Maßnahmen, die lange vor der Schulzeit ansetzen müssten.