Der Haupteingang ist zugemauert, auf der Treppe vor dem Gebäude liegen Obdachlose. Ein Bild an der Hauswand fordert Solidarität mit der kurdischen PKK. Die Rote Flora, das berühmteste besetzte Haus Deutschlands, betritt man von der Seite, durch eine schwere Metalltür. Drinnen ist es kalt, die unverputzten Wände sind mit Graffitis besprüht. Es riecht nach schalem Bier, verschüttet auf unzähligen Partys. In der großen Halle eine Bühne, heute Abend wird hier Mülheim Asozial spielen, eine Deutschpunkband aus Köln. Geht es nach dem Besitzer des Hauses, ist das Konzert eines der letzten. Er hat den Besetzern ein Ultimatum gestellt, bis Freitag sollen sie das Gebäude verlassen. Der Roten Flora droht die Räumung, wieder einmal. Doch so ernst wie jetzt war es noch nie.  

Klaus und Lotta sitzen im Büro über dem Konzertsaal, sie tragen die klassische Kluft der Hausbesetzer: schwarzer Kapuzenpullover, Piercing, gefärbte Haare. Klaus und Lotta sind höflich, sie bieten Gästen Getränke an. Die beiden sind Sprecher der Besetzer und wollen ihre wirklichen Namen nicht nennen, wie es sich für Autonome gehört. Klaus hat die Arme vor der Brust verschränkt: "Uns geht es doch hier nicht nur um diesen Haufen Steine."

Klaus' Gegenspieler ist Gert Baer. Baer ist Immobilieninvestor und residiert am Neuen Wall, einer der repräsentativen Adressen Hamburgs. Baer sagt: "Die Besetzer sind eine kriminelle und terroristische Vereinigung." Er ist Berater von Hansmartin Kretschmer, dem Besitzer der Flora, der nicht mehr öffentlich auftritt. Baer hat im Oktober beim Bezirk Altona eine Bauanfrage gestellt, er plant auf dem Gelände ein Veranstaltungszentrum mit dreigeschossiger Tiefgarage.   

Manchmal läuft Baer von seinem Büro zur Roten Flora, er steht dann vor dem Gebäude und denkt: 'Schönes Objekt.' Betreten kann er sein Objekt nicht. An der Fassade hängt ein Transparent mit einem durchgestrichenen Bärenkopf, dazu die Forderung: "Baer muss draußen bleiben!" Kretschmer und Baer haben Hausverbot in der Roten Flora.

6.000 Demonstranten erwartet

Der Konflikt um die Rote Flora funktioniert wie ein Theaterstück, das auch auf der Bühne der Flora selbst spielen könnte. In den Hauptrollen: die Besetzer und der Eigentümer, in der Nebenrolle die Stadt Hamburg. Sie trägt eine Mitschuld an dem Konflikt, will aber nicht hineingezogen werden. Auch das Bühnenbild ist seit 24 Jahren immer gleich: Polizeihundertschaften gegen vermummte Autonome, Wasserwerfer löschen brennende Mülltonnen.

Diesmal aber scheint Baer Ernst machen zu wollen. Er hat den Besetzern offiziell die Duldung entzogen, sein Brief liegt vor Klaus und Lotta auf dem Tisch. So weit ist Baer noch nicht gegangen, sein Ultimatum ist perfekt terminiert: Tags darauf steht eine große Demo der Linken an, lange geplant. Damit hat Baer kräftig geholfen, für die Demonstration zu mobilisieren. Die Veranstalter meldeten 3.000 Demonstranten an, mittlerweile rechnet die Polizei mit 6.000. Baer will möglichst große Aufmerksamkeit. Diesen Wunsch erfüllen ihm die Autonomen gern.

Schon im November hatte der Machtkampf begonnen. Baer wollte der Band Fettes Brot einen Auftritt in der Roten Flora verbieten und gab der Band nebenbei einen neuen Namen: "Grundsätzlich haben wir nichts gegen Fettiges Brot, die neue CD gefällt uns ebenfalls." Wegen solcher Skurrilitäten nehmen die Besetzer ihn nicht für voll, auch wenn sie seine Räumungsdrohung ernst nehmen: "Der Typ ist eine Knalltüte, kein seriöser Geschäftsmann," sagt Besetzer Klaus.