Was habe ich mich gefreut über das Coming-out von Thomas Hitzlsperger! Der erste Profi-Fußballer in Deutschland, der sich traut, öffentlich zu seinem Leben und Lieben als Schwuler zu stehen. Und was habe ich mich speziell für ihn gefreut, dass alle vernehmbaren Reaktionen positiv bis euphorisch waren. Das hatte er schon allein für seinen Mut verdient, die Rolle des "Ersten" und damit unweigerlich des Vorbilds als schwuler Fußballer zu übernehmen.

Fast hätte man in diesen Tagen glauben können, der politische Kampf für gleiche Rechte stehe zumindest in Deutschland kurz vor dem Ziel. Anders zu sein müsse nun endlich nicht mehr versteckt werden. Und wenn das erst die Männer-Fußballwelt verstanden hat, dann würden die Barrieren in den Kirchen, Dax-Konzernen, im Militär und in der Union nun auch noch fallen.

Doch dann der Schock, als die Nachricht über die positiven Reaktionen auf Hitzlsperger immer stärker von der Meldung über eine homophobe Petition überlagert wurde. Diese wendet sich gegen die neuen, grün-roten Leitlinien zum Bildungsplan in Baden-Württemberg. Wie kann man erklären, dass zur selben Zeit fast 150.000 Menschen Warnungen wie diese unterschreiben, die Verankerung der "Akzeptanz sexueller Vielfalt" in den Bildungsstandards laufe "auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung" hinaus? Während sich Deutschland in der Öffentlichkeit also für seine Toleranz und Weltoffenheit feiert, dokumentieren erschreckend viele Menschen ihre Angst vor einer "homosexuellen Umerziehung" in den Schulen.

Phänomene, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen

In mehreren Beiträgen wurde mit Verwunderung auf diese "Ungleichzeitigkeit" verwiesen. Als handele es sich um Phänomene, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen müssten. Ich aber wundere mich nicht. Denn ich glaube nicht, dass es Zufall ist, wenn sich bei uns Offenheit und Toleranz sowie Ausgrenzungs- und Diskriminierungswille zur selben Zeit zeigen.

Ich glaube vielmehr, dass wir in diesem Moment die entscheidende politische Auseinandersetzung zwischen einem gesellschaftspolitischen Gestern und einem im Sinne der Menschenwürde und der Selbstbestimmung organisierten Morgen zu führen haben. Lesben und Schwule haben es geschafft, eine Sprache über sich, ihr Leben und Lieben zu finden und eine positive Erzählung darüber in der Öffentlichkeit zu etablieren. Doch je mehr es immer "hoffähiger" wird, anders zu sein, und Lesben und Schwule immer selbstverständlicher nach draußen gehen, umso eher werden auch die reaktionären und fundamentalistischen Stimmen wahrnehmbar, die sich gegen jede Form der Gleichstellung wenden. 

Seit sich Lesben und Schwule in vielen gesellschaftlichen Bereichen offen zeigen, steigt offenbar die Notwendigkeit für die Gegner der Gleichstellung, alle Political Correctness beiseite zu schieben und sich mit Macht gegen die gesellschaftliche Modernisierung zu stemmen.