Mittwochnachmittags hat die zweijährige Marie demnächst wahrscheinlich das Privileg, dass ihr Vater, der Vize-Kanzler, sie von der Kita abholt. Sigmar Gabriel hat angekündigt, einmal in der Woche sein Wirtschaftsministerium früher zu verlassen, um den halben Tag seiner Tochter zu widmen.

Gabriel gehört damit zu den Männern, die ihr Familienleben nicht mehr komplett der Karriere opfern und neuerdings damit Schlagzeilen machen. Gerade jubelte der Spiegel über die neuen Väter, die in deutschen Manageretagen zu Trendsettern würden.

Auch Umfragen bestätigen den zunehmenden Wunsch von Vätern, mehr im Alltag ihrer Familien mitzumachen. Viele von ihnen wollen nicht mehr 40 Stunden und mehr arbeiten, sondern im Durchschnitt pro Woche sieben Stunden weniger als bisher, also Teilzeit. Diesem Bedürfnis entspricht der Vorschlag der neuen Familienministerin, die die Wochenarbeitszeit für junge Eltern reduzieren möchte.

Neue Perspektive für die Partnerinnen

Hauptgewinner wären die Kinder, die in vielen Umfragen über besonders wenig Zeit mit ihren Vätern klagen. Gerade für Jungen hat das fatale Auswirkungen. Laut einer australischen Studie führt eine hohe Berufsbelastungen der Väter auffällig oft zu negativem Sozialverhalten der Kinder – vor allem der Söhne. Jungen schreiben schlechtere Schulnoten als Mädchen, gehen seltener aufs Gymnasium, brechen die Schule öfter ab und dominieren mit 64 Prozent bei den Förderschülern. Maßgeblich schuld daran ist nach Ansicht von Forschern die fast vollständige Abwesenheit von Männern in den ersten Lebens- und Schuljahren der Kinder.

Träten die Väter durch längere Elternzeiten oder Teilzeitarbeit beruflich kürzer, hätten ihre Partnerinnen auch neue berufliche Perspektiven. Das Berufs- und Karriererisiko Kind könnten Personalchefs nicht länger den Frauen zuordnen. Plötzlich hätten sie es ebenso oft mit Männern zu tun, die wegen ihrer Kinder nicht mehr unbeschränkt an ihrem Arbeitsplatz verfügbar wären. Frauen und Männer hätten dann trotz Elternschaft tatsächlich fast gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Die bundesdeutsche Wirklichkeit sieht aber anders aus. Selbst wenn gefeierte Karriere-Väter wie Gabriel oder der freiwillig zum Staatssekretär abgestiegene ehemalige EZB-Direktor Jörg Asmussen ihre wöchentliche Arbeitszeit wegen der Kinder um ein paar Stunden verringern, dürfte ihr Wochenpensum bei 70 Stunden und mehr liegen. Von einer gleichverteilten Erziehungs- und Alltagsverantwortung in der Familie ist das weit entfernt.