Nagold im Schwarzwald ist so eine Stadt, die in den Reiseführern die Farbseiten bekommt. Zwischen nebligen Bergwäldern eröffnet sich ein Ort voll wohlhabender Fachwerkidylle. Freundliche Einheimische schauen aus Geländewagen, in den engen Gassen gibt es Espressomaschinen und Strumpfhosen zu kaufen. Montagabends steht der Müll vor der Tür. Von hier wird die Revolution wohl nicht losbrechen.

Dachte man jedenfalls bis vor wenigen Wochen. Doch ausgerechnet an dem Tag, an dem Thomas Hitzlsperger sein Schwulsein bekannt machte und die Deutschen sich dafür beklatschten, das eigentlich ganz in Ordnung zu finden, brach von hier aus die Hölle los. Oder besser, der Himmel.

An diesem Tag wurde die Petition des Realschullehrers Gabriel Stängle bekannt. Stängle, ein evangelikaler Christ aus einem Nagolder Vorort, kämpft gegen die Indoktrinierung von Schülern durch die Schwulenlobby und ihre "Ideologie des Regenbogens". Aus dem Petitionstext spricht die Überzeugung, dass Homosexualität nichts Gleichzustellendes ist.

Die Kirchen distanzierten sich nicht etwa, sondern schlossen sich zumindest der Forderung an, Schüler nicht zu indoktrinieren. Die Petition nähert sich inzwischen 160.000 Unterzeichnern. Die relativ meisten Unterstützer kommen laut Petitionswebsite aus dem Schwarzwald.

In Württemberg wohnt der evangelikale Pietismus. Gotteshäuser liegen hinter Lagerhallen und Fabriken, an Ausfallstraßen und in Dorfzentren, sie gehören zur Landeskirche oder zu den unzähligen Freikirchen. Wer zu Gott will, sagen die Evangelikalen, braucht ein persönliches Verhältnis zu ihm. Viele sagen auch: Die Bibel ist wörtlich zu nehmen. "Das ist keine Parallelgesellschaft", sagt ein Nagolder Lehrer. Das sei die Mitte der Gesellschaft.

Im Dörfchen Beihingen beendet Markus Schübel, Geschäftsführer eines Seniorenstifts, einen Benefizabend mit einem Gebet. Schübel stützt die Hände aufs Podium, sein Blick geht schräg nach unten, sein Körper steht unter Spannung. Wenn er "Herr" sagt, klingt das nicht sakral. Es klingt, als spräche er mit einem Menschen.

Gott als Vater, die Bibel als Leitbild

Gott ist immer bei Schübel. Sein iPod liest beim Joggen die Bibel vor, auf seiner Startseite erscheint jeden Tag die Losung des Tages. Fünf Jahre hat er als Vertreter gearbeitet, 100 Nächte im Jahr in Hotels verbracht. Da war, sagt er, manchmal nur noch Gott. Ein Vater, gütig und gerecht. Schübel gehorcht der Bibel wie ein folgsamer Sohn.

"Es steht mir nicht zu, Schwule zu verurteilen", sagt Schübel. "Aber Homosexualität ist eine Sünde. Da steht es." Schübel weist auf eine Passage seiner Ausgabe des Neuen Testaments: Keiner, "der sich von seinen Begierden treiben lässt und homosexuell verkehrt, wird einen Platz in Gottes Reich haben." Es gibt, sagt Schübel, auch einen Platz für Menschen, die sich nicht an Gott orientieren. Die Hölle.

Schübel fühlt sich an den Rand gedrängt. "Ich akzeptiere ja Homosexuelle. Dafür erwarte ich aber Toleranz für meine Position." Wir leben in einer Demokratie, sagt er, nicht im Mittelalter. Wenn man Beihingen verlässt, muss man sofort das Fernlicht einschalten.

Der Lehrer Stängle ist nicht zu sprechen, er kann oder will sich zu der Petition nicht äußern. Seine Freikirchengemeinde hat ihre Seite vom Netz genommen – wegen "der hohen medialen Aufmerksamkeit und unsachlicher Berichterstattung". Nach außen dringt, dass Stängle sich eine Versachlichung der Diskussion wünsche. "Dem muss es gerade richtig schlecht gehen," sagt ein Lehrer, der gegen die Petition ist. Andererseits: "Missionaren gefällt diese Rolle ja."