Londoner Polizisten an der Haustür eines mutmaßlichen Stalkers © John Stillwell/dpa

Inzwischen ist Sandra Lehmann* ein Profi, sie weiß, was sie zu tun hat. Auf E-Mails reagiert sie nicht, wenn er anruft, legt sie auf und falls Herr G. noch mal persönlich auftauchen sollte, ruft sie die Polizei. G. hat seit ungefähr drei Jahren nichts mehr von sich hören lassen. Aber ob das so bleibt? 

Lehmann wird gestalkt seit sie 16 Jahre alt ist, jetzt ist sie 32. Sie war gerade auf dem Rückweg vom Sport, als ein Mitschüler sie ansprach. Ob er aus der Parallelklasse oder aus der Klasse unter ihr war, weiß Lehmann nicht mehr. Auf ein paar freundliche, unverbindliche Sätze folgten etliche Anrufe und Briefe. Immer wieder lauerte G. ihr auf dem Schulweg auf. Lehmann wehrte sich. Sie wechselte die Telefonnummer, ignorierte die Briefe, schrie G. an, er solle sie in Ruhe lassen, wenn sie ihn traf oder bat Passanten um Hilfe. "Damals hatte ich schon ziemlich viel Angst", sagt sie heute. "Ich fand das bedrohlich." Sie lernte, es auszuhalten. Machte ihr Abitur, zog in eine andere Stadt. Zehn Jahre lang hörte sie nichts von G. Dann bekam sie einen Job im öffentlichen Dienst. Ihre E-Mail-Adresse stand im Internet und plötzlich war G. wieder da.

Stalking-Opfer müssen ziemlich viel wissen. Dass sie beim Amtsgericht eine Gewaltschutzanordnung beantragen können, die festlegt, dass der Täter sich ihnen nicht nähern und keinen Kontakt aufnehmen darf. Dass sie alle Übergriffe dokumentieren müssen. Und vor allem: Dass sie sich niemals auf Kontakt mit dem Täter einlassen. Wer gestalkt wird, muss lernen sich zu schützen – und sich so zu verhalten, dass Polizei, Staatsanwälte und Richter den Fall auch ernst nehmen.

25.000 Anzeigen pro Jahr

Stalking ist erst seit 2007 strafbar, im Strafgesetzbuch heißt es "beharrliche Nachstellung". Seitdem gibt es in jedem Jahr rund 25.000 Anzeigen, aber nur in wenigen Fällen kommt es zu einer Gerichtsverhandlung. So wurden im Jahr 2011 nur rund 350 Personen rechtskräftig wegen Stalking verurteilt. Allerdings sind die Zahlen wenig aussagekräftig. Wenn es um mehrere Straftaten geht, erfasst die Statistik nur den Straftatbestand, der mit der höchsten Strafe bedroht ist. Gerade in Stalking-Fällen kann es sein, dass der Täter gleichzeitig wegen schwereren Straftaten wie Freiheitsberaubung oder Körperverletzung verurteilt wird, sodass die Verurteilung wegen Stalking nicht in der Statistik erscheint.

Wie in Lehmanns Fall kann Stalking von weitgehend fremden Menschen ausgehen. Oft ist es aber auch der ehemalige Partner, der dem Opfer nachstellt. Vielen Betroffenen fällt es deshalb besonders schwer, klare Grenzen zu setzen. Die Berliner Rechtsanwältin Theda Giencke berichtet von einer Mandantin, die massiv gestalkt wurde, nachdem sie die Beziehung zu ihrem Freund beendet hatte. "Sie hatte ihm klar gemacht, dass sie keinen Kontakt wollte. Aber dann hat sie sich mehrere Monate später doch noch mal auf ein Treffen eingelassen." Das Gericht sprach den Mann frei, er habe nicht erkennen können, dass seine Ex-Freundin den Kontakt abbrechen wolle. Dabei versuchte Gienckes Mandantin nur, die Situation zu entschärfen. "Sie sagt, sie fühlt sich am sichersten, wenn sie reagiert, etwa wenn sie auf Chatnachrichten antwortet. Weil sie dann merkt, in welche Richtung es geht: tickt der jetzt aus und steht gleich vor der Haustür oder beruhigt er sich wieder? Wenn er weiter Nachrichten schreibt, sitzt er also noch zu Hause am Computer." Giencke hat Berufung eingelegt, seit eineinhalb Jahren leidet ihre Mandantin unter dem Stalking, ist psychisch sehr mitgenommen. Vielleicht sieht das Gericht den Fall in nächster Instanz anders.