Demografischer Wandel, Energiewende, Erwerbschancen – erstmals seit 17 Jahren positionieren sich die beiden großen Kirchen gemeinsam zu den großen Themen der Gegenwart. Sie stellen im Netz ein Dokument zur Diskussion, das die gemeinsame Verantwortung von Staat, Wirtschaft und Bürgern für eine gerechte Gesellschaft thematisiert.

Die Autoren der Sozialinitiative "Gemeinsame Verantwortung für eine gerechtere Gesellschaft" formulierten in zehn Thesen, welche Veränderungen sie für dringlich halten. Darunter finden sich wirtschafts- und ordnungspolitische Forderungen, solche zum Umweltschutz und zur Energiepolitik oder zur Chancen- und Bildungsgerechtigkeit:

  • Umweltschutz, Armutsbekämpfung und soziale Gerechtigkeit müssten die Leitplanken für eine nachhaltige Wirtschaft sein.
  • Die Durchlässigkeit sozialer Schichten müsse verbessert werden. Armut werde in Deutschland zu oft "vererbt", heißt es.
  • Die Balance von Fordern und Fördern sei zugunsten des Förderns neu zu justieren.
  • Die Finanzwirtschaft müsse der Realwirtschaft dienen, Gewinn dürfe nicht alleiniges Ziel sein. Riskante Geschäfte dürften nicht zulasten der Allgemeinheit gehen.
  • Die Belastung durch den demographischen Wandel sei gerecht zu verteilen – gerade im Hinblick auf die Rentenpolitik ist das ein kontrovers diskutiertes Thema.
  • Europa, besonders die Europäische Union, müsse als reichster Kontinent auch weltweit ein Wirtschaftssystem unterstützen, das jedem Menschen nützt.


In der online veröffentlichten Fassung der Initiative lassen sich die einzelnen Kapitel auch kommentieren. "Wir freuen uns, wenn die Thesen lebhaft diskutiert werden", sagte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und mahnte, auch an die konkreten Folgen zu denken: "Wir brauchen Konsequenzen, nicht nur Debatten."

Sein katholisches Gegenüber, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, sagte, man wolle anregen, über den Tag hinauszudenken. "Unsere Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft umfasst eben nicht nur das Heute." Beispielhaft nannte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz den demographischen Wandel und die Energiewende als gesellschaftliche Herausforderungen.

Dabei nahm Zollitsch die Bürger individuell in die Pflicht: "Die Energiewende als Gemeinschaftsprojekt verlangt, dass Wirtschaft, Politik und Bürger zu Veränderungen bereit sind." Er setze voraus, dass die Menschen angesichts der beschriebenen Herausforderungen sich offen dafür zeigen, "nicht nur Verantwortung zu übernehmen, sondern dementsprechende Entscheidungen und Lebensweisen folgen zu lassen".

Kirchen bemängeln "laxe Steuermoral"

Die Kirchen mischen sich auch in die Debatte über Steuerhinterziehung ein. Sie bemängeln eine "laxe Steuermoral" und kritisieren, dass Unternehmen die Möglichkeit hätten, sich durch Verlagern von Gewinnen ins Ausland der Besteuerung zu entziehen.

Die Politik der großen Koalition findet in dem Sozialpapier grundsätzliche Billigung. Kritisch äußerten sich die beiden Kirchenführer jedoch zur Rentenpolitik. Bei der Absenkung des Eintrittsalters auf 63 Jahre frage er sich, wer das alles bezahlen soll, sagte Zollitsch.  Der richtige Weg sei, bis 67 Jahre zu arbeiten – unter Berücksichtigung gesundheitlicher Bedingungen. Schneider pflichtete ihm bei. Die Mütterrente sei dagegen ein Schritt in die richtige Richtung, sagte Zollitsch. Damit erkenne der Staat eine erbrachte Leistung an, sagten beide.

Angesprochen auf kritische Äußerungen von Papst Franziskus zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung sagte Zollitsch, das "harte Wort", dass "diese Wirtschaftsordnung tötet", ziele auf die harte Form des Kapitalismus. Die praktiziere Deutschland nicht.

"Marktwirtschaft braucht Vorgaben", konstatierte Zollitsch. Schneider ergänzte, die Wirtschaft müsse "lebensdienlich sein". Es sei abzulehnen, dass Menschen durch zu harte Wirtschaftsbedingungen stürben.

Schneider erläuterte zu Beginn der Vorstellung, an dem Papier hätten beide Seiten "hart und intensiv gearbeitet". Theologisch biete man im Vergleich zur letzten gemeinsamen Veröffentlichung dieser Art 1997 zwar nichts Neues. "Aber die Welt hat sich verändert."

Bis Juni kann sich jedermann an der Diskussion der Thesen beteiligen. Im Juni soll während einer Tagung die Endfassung der Sozialinitiative entstehen, kündigte Zollitsch an.