Am Abend an dem Angela Zilberg hörte, dass die Olympischen Spiele nach Sotschi kommen, öffnete sie mit Freunden eine Flasche Sekt. Sie freute sich auf die Besucher aus dem Ausland, mit denen sie zusammen Ski fahren wollte. Vor sieben Jahren war das.

Wenn sie in diesen Tagen morgens aufsteht, sich einen Kaffee macht und aus dem Fenster sieht, schaut sie auf ihren Lebenstraum. Er ist zertrümmert in Tausende Betonbrocken.

Angela Zilberg sitzt in einer Übergangswohnküche, Spüle, Herd, Klappstühle, eine Couch, weniger als zehn Quadratmeter. Das Brot auf dem Tisch steckt in einer Plastiktüte mit Olympiawerbung. Dank der Hilfe ihrer Freunde kann Angela Zilberg jetzt in dieser Einzimmerwohnung leben. An der Wand über der Couch hängt ein Schwarz-Weiß-Bild der Golden Gate Bridge. Das hat sie sich mal im Skiort Krasnaja Poljana gekauft. Sie mag es, weil es den Abriss überlebt hat.

Auf dem Nachbargrundstück stand ihr Haus. Alles steckte da drin, sagt sie. Die 300.000 Dollar, die sie aus dem Verkauf ihres früheren Hauses und ihrer gut laufenden Anzeigenagentur bekam, ihr Erspartes der vergangenen zehn Jahre und viel Geld von Freunden, die mit ihr darin wohnten.

1441 Häuser wurden in den vergangenen zwei Jahren in Sotschi zerstört. Das teilt die Stadtverwaltung 
auf ZEIT-ONLINE-Anfrage mit. Die Abrisse 
seien nötig, damit der Badeort ein
 neues Gesicht bekomme, heißt es in Sotschi – für Olympia, aber auch für die
 Zeit danach. Dafür wurden Regierungsverordnungen erlassen und das Sondergesetz 310 verabschiedet, viele nennen es Olympiagesetz. Es ermöglicht leichtere Enteignungen. Angela Zilberg dachte lange, mit alldem habe sie nichts zu tun.

Die heute 43-jährige Frau wuchs in einem Waisenhaus auf, arbeitete nach Schule und Studium als Lehrerin in einem Ferienlager. In ihrem zerstörten Haus wohnten auch Alexej, vier Jahre, und Sergej, neun Jahre, zwei Waisenkinder, die Angela Zilberg und ihr Mann adoptiert haben. Insgesamt wohnten acht Waisen in ihrem Haus, die Erwachsenen, alle miteinander befreundet, sorgten für sie.

Angela Zilberg steht kurz auf, um die Baugenehmigung zu holen. Im Jahr 2010 hatte sie ihr Haus bauen lassen. Das Grundstück gehörte ihrer Freundin, die später auch in das Mehrparteienhaus einzog. Sie hatte es gekauft, bevor Sotschi den Zuschlag für die Olympischen Spiele bekam.

Im Oktober 2012 klingelte ein Mann an der Tür von Angela Zilberg. Er sagte, den Behörden sei aufgefallen, dass das Haus nicht dem Gesetz entsprechend errichtet sei. Das Haus stand an einem Hang. Von der einen Seite betrachtet hatte es drei Etagen, von der anderen sah der Keller wie eine vierte aus. Auf der Baugenehmigung steht eine "3". Angela Zilberg dachte nicht einmal darüber nach, dem Mann Schmiergeld anzubieten, bevor er wieder ging.

Fast ein Jahr verging. Dann, Ende September 2013, bekam Angela Zilberg eine Vorladung vom Gericht. Sie war überrascht von dem Termin, danach, auf dem Weg nach Hause, war sie geschockt. Die Stadtverwaltung hatte ein Verfahren gegen sie eingeleitet und inzwischen sogar gewonnen, die Einspruchsfrist war bereits vergangen. Von alledem hatte sie erst jetzt erfahren. 

Ihre Anwältin entdeckte später ein Dokument in den Akten, wonach Angela Zilberg auf eigenen Wunsch nicht an der Gerichtsverhandlung teilgenommen habe. Das Dokument ist unterschrieben, aber Angela Zilberg sagt, ihre Schrift sei das nicht.

Genau eine Woche später kamen die Mitarbeiter der Abrissfirma, sie hatten sich nicht angekündigt. Es war der 1. Oktober 2013. Sie war am Morgen ins Krankenhaus gefahren zu einer Untersuchung ihres gutartigen Tumors. Als sie am Abend zurückkam, hatten die Männer begonnen, das Dach abzudecken. Es regnete. Die Möbel saugten sich voll Wasser.

Angela Zilberg und ihr Mann in ihrer Übergangswohnung © Steffen Dobbert

Rund um das Grundstück standen die Bewohner, Freunde, Anwohner. Viele schimpften auf die Männer in den Arbeitssachen. Sie waren über die Außentreppe des Hauses in die oberste Etage gelangt. Alles, was sie drinnen fanden, Kisten, Lampen, Stühle, schmissen sie aus dem Fenster auf einen Schutthaufen.

Vom Balkon gegenüber drehten Nachbarn mit ihren Handys Videos. Einige Journalisten aus Sotschi kamen und machten Bilder. Als Angela Zilberg fragte, ob die Arbeiter wenigstens ein paar Stunden warten könnten, damit die Bewohner ihre Sachen vor dem Regen retten könnten, schüttelte einer der Männer den Kopf. Er sagte, dafür bräuchte sie einen Gerichtsentscheid.

Sie könne nicht viel schockieren, sagt Angela Zilberg. Aber am Abend des 1. Oktobers 2013, als sie ihre Freunde und die Kinder weinen sah, wollte sie sich am liebsten erhängen.