Alle regen sich jetzt auf, und das wegen dieser speziellen Giraffe. Die einen sind empört, dass der Kopenhagener Zoo am Sonntag den gesunden, halbwüchsigen Giraffenbullen Marius erschoss, zerlegte und an Löwen verfütterte.   

Die anderen empören sich genau über diese Empörung: Schließlich werden ständig irgendwelche Tiere geschlachtet, zerlegt und gegessen; zum Beispiel Hühner, Schweine und Rinder. Aber muss so ein Schlachten und Zerlegen unbedingt vor den Augen der Zoobesucher, darunter vieler Kinder, stattfinden? Darauf wiederum lässt sich einwenden, es sei doch gut, dass die Kleinen mal sehen, wie so etwas vor sich geht: schlachten und essen.

Marius, das muss man noch wissen, durfte nicht in Kopenhagen die Geschlechtsreife erreichen, weil er sich dann mit seinen weiblichen Verwandten gepaart hätte; das gäbe Inzucht. Viele Menschen haben gefragt, warum der arme Marius dann nicht einfach in einen anderen europäischen Zoo versetzt wurde. Die Antwort aus Kopenhagen lautete, dass auch deren Giraffen zu nah mit ihm verwandt seien, auch dort drohe Inzucht.

Dienen Zoos nicht der Arterhaltung?

Ganz ungewollt lässt diese Auskunft ein bekanntes Argument der Zoobefürworter in ungünstigem Licht erscheinen: Denn angeblich dienen Zoos ja auch dem Artenschutz. Man stellt sich gerne vor, in den Zoos würden alle möglichen Tierarten wie in einer modernen Arche Noah aufgehoben, um irgendwann später wieder in die Freiheit entlassen zu werden. Wie aber soll das gehen, wenn der Gen-Pool ohnehin dermaßen zusammengeschrumpft ist?

Und wo soll diese Freiheit später überhaupt einmal erlangt werden – wenn die Habitate, aus der die Zootiere stammen, längst zerstört sind? Tatsächlich werden auch nur selten Tierarten wieder ausgewildert, schon gar nicht die großen Säugetiere, die die Zoos aber besonders häufig züchten.

Allein die prozentuale Verteilung unter den Tierarten in Zoos zeigt, dass ihre "Aufbewahrung" wenig mit späterem Auswildern, sondern eher mit unserem jetzigen Verständnis von der Schönheit und Attraktivität der Tiere zu tun hat: 20 bis 25 Prozent aller gefährdeten Säugetierarten finden sich in Zoos. Von den Amphibien beherbergen die modernen "Archen" nur ganze drei Prozent der gefährdeten Arten. Dabei lassen sich kleinere Arten eigentlich besser in Gefangenschaft unterbringen. Für größere Tiere ist die Einschränkung des Bewegungsspielraums im Zoo entsprechend problematischer.

Es geht um das Leben jedes einzelnen

Außerdem dient der Artenschutz ohnehin nicht dem jeweiligen Tier, sondern dem Menschen und allenfalls der recht abstrakten "Natur" im Ganzen. Für das Individuum ist ganz egal, ob es eine seltene Giraffe ist oder eins von den 600 Millionen Hühnern, die wir in Deutschland jährlich schlachten: Es hat den Drang zu leben und sollte frei sein, egal, wie viele andere es von seiner Art noch gibt. 

Die Spezies selbst ist keine moralisch relevante Größe; es ist immer nur das Individuum, das Rechte hat. Und auch wenn es ein Tier ist, dürfen wir ihm nicht zumuten, in Gefangenschaft zu leben, um für seine Art als "Botschafter" zu fungieren, wie es manchmal heißt, oder seine Spezies hinter Gittern zu "vertreten".

Das führt zum nächsten Argument, das Vertreter von Zoos gerne vorbringen: die Pädagogik. Auch der Kopenhagener Zoodirektor hob, um die öffentliche Zerlegung von Marius zu rechtfertigen, gegenüber der Presseagentur AP hervor: "Ich bin stolz, weil ich denke, dass wir Kindern ein umfassendes Bild von der Anatomie einer Giraffe zeigen konnten, das sie durch ein Foto allein nicht erhalten hätten." In Zoos, so sagen deren Befürworter gerne, können Kinder (und Erwachsene) Tieren hautnah begegnen, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kennen. Sie erfahren aus Hinweistafeln und Multi-Media-Installationen etwas über ihre Lebensweise, Verbreitung, Bedrohung – und im Fall Kopenhagens auch etwas über deren Sterben.