Das Verkehrsgewühl ist malerisch – und zehrt an allen Nerven: Anderthalb Stunden lang schlingert der Wagen auf Chittagongs schmaler Hauptstraße zwischen Fahrrad-Rikschas, Motor-Rikschas, Bussen, Lastwagen, Kleintransportern aller Art und Fußgängern dahin. Dann lassen wir die Stadt hinter uns, biegen schließlich links ab und rollen auf einen tropisch-grünen Campus, auf dem im Schatten der Bäume Kühe und Ziegen grasen und die Studierenden an Bambushainen entlang ihren Seminarräumen zustreben.

Chittagong, Hafenstadt an der Bucht von Bengalen und mit gut zwei Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt Bangladeschs. Die Universität hat um einen Vortrag gebeten: "Die Europäische Integration – ein Modell für Südasien?"

Um die Mittagszeit ist es heiß in Ost-Bengalen; trotzdem füllt sich der Hörsaal der Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Mancher geht bald wieder, dafür kommen andere hinzu. Dann fällt der Strom aus.

Aber jetzt prasseln die Fragen auf den Besucher ein: Haben wir, Europäer wie Südasiaten, unser koloniales Denken wirklich hinter uns gelassen? Wie hilft Deutschland der Ukraine? Was will Putin? Und welchen Beitrag kann Bangladesch zur Lösung des Kaschmir-Konflikts leisten? (Da müssen wir passen!)

Auftritt: der Universitätsrektor. Studenten und Professoren erheben sich voller Ehrerbietung, als er den Raum betritt. Nichts sei in den Zeiten der Globalisierung wichtiger als Toleranz, sagt der weise Rektor, Professor M. Anwarul Azim Arif. Und dann strömen sie alle zu ihm, wollen ihm die Hand drücken, vielleicht auch schnell eine Bitte loswerden. Berührend zu sehen, dieser Respekt vor dem Oberhaupt einer stolzen akademischen Institution.

Schnell zum Mittagessen ins Rektorat. Doch dort wartet die Bürokratie. Um den Schreibtisch des Rektors herum hat der gesamte Lehrkörper der Forstwissenschaftlichen Fakultät Platz genommen und bittet um Unterschriften. Um viele Unterschriften. Die werden erteilt, nach gewissenhaftem Studium der Dokumente.

Die akademische Tradition in all ihrer Würde, sie wird hochgehalten in diesem bitterarmen Land, das auf Platz 146 (von 187 aufgeführten Ländern) des Human Development Index 2013 steht. Und das so stolz auf seine Hochschulen ist, allen voran die University of Dhaka, jenes 1921 von den Briten gegründete "Oxford des Ostens".

Immer mehr Studierende zieht es nach Deutschland, seit 2012 hat sich die Zahl der Bewerber mehr als verdoppelt. Wir sollten sie mit offenen Armen empfangen. Am Goethe-Institut der Hauptstadt lernen 1.400 Sprachschüler Deutsch, der Unterricht muss inzwischen an sieben Tagen in der Woche gegeben werden, so groß ist der Andrang.

Vielleicht ist dies die beste "Entwicklungshilfe", langfristig gewiss so wichtig wie jeder Finanzkredit. Eine Investition in die Zukunft eines Landes, das sich aus dem Elend emporarbeiten will und mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von 6 Prozent auch vorankommt. Aber auf einer Fläche nicht größer als zweimal Bayern leben 160 Millionen Menschen. Und die haben noch lange kein erträgliches Einkommen, viele kein menschenwürdiges Leben. Doch weiß das Land um den Wert der Bildung. Fast jedes Kind in Bangladesch wird heute eingeschult, eine riesige Errungenschaft. Wie schön, wenn die Begabtesten es dann auf die Universität schaffen.

In Chittagong haben die Studierenden einen eigenen Zug, der sie aus dem Gewühl der Innenstadt zu ihrer grünen akademischen Oase fährt. Der Zug hat keine Fenster, und sein Inneres mag eine dunkle, verratzte Höhle sein. Aber als wir vor der Schranke warten, bis er unsere Straße passiert hat, da tutet er sehr stolz.