An der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz steht ein Mann wie der FC Bayern München. Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, hat sogar mehr als das Triple geschafft: Er ist Kardinal, Mitglied im päpstlichen Beratungskollegium, Wirtschaftsexperte des Vatikan, Vorsitzender der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union, Vorsitzender der bayerischen Bischofskonferenz und seit Mittwochvormittag auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Das ist Champions-League-Pokal, Bundesligarekordmeister und Vize-WM-Titel in einem. Der 60-Jährige ist als Favorit in den Wettbewerb gestartet, am Ende siegt er knapp im vierten Wahlgang.  

Kurz bevor das Ergebnis der Wahl im Innenhof des Münsteraner Priesterseminars verkündet wird, weht ein Glockenspiel, nein, nicht den Triumphmarsch herüber, sondern den Gefangenenchor aus der Oper Nabucco. Marx' Wahl sieht auf den ersten Blick wie eine Bestätigung der klassischen Mannschaftsaufstellung aus  – Kardinäle nach vorn! Tatsächlich ist sie ein Befreiungsschlag. 

Am Morgen hat er im Gottesdienst vor den Amtsbrüdern gepredigt, er hat frei gesprochen über die Aufgaben der Kirche: Keine Unglücksprophetin solle sie sein, sondern gewinnend das Evangelium verkünden. Werben, punkten, positiv sein – das sind schlichte Gedanken, aber in einem Verein mit 24 Millionen Mitgliedern, ramponiertem Image und noch angeschlagenerem Selbstbewusstsein lösen schon solche Worte einen Pep-Guardiola-Effekt aus.

Direkte Verbindung nach Rom

"Wir haben einen Stil und ein Profil gewählt, keinen Maßnahmenkatalog", sagt ein Mitglied der Bischofskonferenz sichtlich zufrieden. Reinhard Marx ist physisch präsent, mediengewandt, sinnenfroh und machtbewusst. Sein Buch mit dem wortwitzigen Titel Das Kapital stand monatelang auf der Bestsellerliste. Als Siegertyp gilt er, als Stürmer. Er war der erste Bischof, der im Skandaljahr 2010 eine Studie zum sexuellen Missbrauch in seiner Diözese in Auftrag gab. So einer wie er wartet nicht ab, bis diese langsame Bischofskonferenz sich geeinigt hat, hieß es. Damit punktete er bei den Medien, bei den Amtsbrüdern weniger.

Mehr als fünf Gegenkandidaten gab es bei dieser Wahl. Vielen wird der Superbischof aus München zu mächtig. Doch am Ende spricht nicht nur die Sehnsucht nach Hoffnungstrunkenheit für den Wahlbayern, sondern auch die nüchterne Überlegung. Bei jedem anderen Ergebnis wäre Marx wegen seiner direkten Verbindung nach Rom der heimliche Vorsitzende gewesen. So wie bisher der Kölner Joachim Kardinal Meisner, der sich lieber gleich an den Papst wandte als an die Kollegen der Bischofskonferenz.

Als Reinhard Marx an diesem Mittwochvormittag um kurz nach elf grinsend an der Seite des bisherigen DBK-Vorsitzenden Robert Zollitsch vor die Presse tritt, kommt zaghafter Applaus auf. Nein, es ist wirklich kein Triumphmarsch. Der frisch Gewählte erzählt von seiner "langen Reise durch Deutschland": In Westfalen wurde er 1953 geboren, dort war er Kaplan und Priester, in Paderborn wurde er 1996 zum Weihbischof geweiht. In Trier spielte er in der zweiten Bischofsliga, in München in der ersten, der erzbischöflichen. Seit seiner Kardinalserhebung 2010 tritt er in der Königsklasse an. Reinhard Marx sagt in seinem kurzem Statement einige Male "ich", bevor er auf Papst Franziskus, den kirchlichen Weltfußballer des Jahres, zu sprechen kommt. "Gute Nachrichten" will er liefern, verspricht er den Journalisten. Details des Guten kann er noch nicht nennen.