Theoneste Munyarugamba schiebt seine Tochter Celeste hinaus in den Hof. Die Zehnjährige mault, kommt immer wieder ins Haus, der Vater schließt endlich die Tür ab. "Sie muss das nicht hören." "Das" ist die Geschichte, wie der heute 47-jährige Munyarugamba, ehemaliger Lehrer, zum Mörder wurde und im Alter von 27 Jahren drei Kinder mit einer Machete umbrachte. Eines davon war so alt, wie seine Tochter heute ist.

"Ntidigasubire" – nie wieder, steht auf einem großen Plakat entlang der Straße zu Munyarugambas Dorf Rubona. Dasselbe Wort steht am Tor der Gedenkstätten, auf den Gräbern, beendet jede Radiosendung über den Genozid. Zwanzig Jahre ist es in diesem April her, dass Ruanda, ein grünes, hügeliges Land in Ostafrika, zum Schauplatz eines Massenmordens wurde und die Bevölkerungsmehrheit der Hutu versuchte, die Minderheit der Tutsi zu vernichten.

So jedenfalls deutet es die jüngste ruandische Geschichtsschreibung – und so hat es in diesem Februar, nach zwanzig Jahren des Ringens um eine Definition, nun auch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen offiziell benannt. Der "Genozid gegen die Tutsi" war der letzte Genozid des ausgehenden Jahrhunderts und zugleich sein kürzester, blutigster. Achthunderttausend Menschen starben damals innerhalb von nur einhundert Tagen, sechs von ihnen durch die Hand von Theoneste Munyarugamba. Sie hatten ihm nichts getan, diese Menschen, sie waren seine Nachbarn, sie liefen ihm zufällig über den Weg, als er wie Abertausende in einen Mordrausch geriet, für den es bis heute keine letzte Erklärung gibt.

Munyarugamba war Lehrer an einer Berufsschule. Am 3. April wurde die Maschine des damaligen ruandischen Präsidenten Habyarimana abgeschossen, in der Nacht wurde die Jagd auf die Tutsi offiziell eröffnet, am Abend des 4. April waren die ersten tausend schon tot. Munyarugamba griff zwei Tage später zu seiner Machete. "Ich hatte nachts wach gelegen und mir gesagt, es sei Zeit, dass ich meine Pflicht erfülle und auch Tutsi umbringe."

So nüchtern klingt das Grauen heute aus seinem Mund. Angeblich kann er sich nicht erinnern, welches Datum es war, als er auf dem Marktplatz seines Dorfes erst die Frau seines Onkels, dann einen Nachbarn, dann eine Mutter und ihre drei Kinder tötete, sie alle in Stücke hieb und die Teile anschließend in einen Brunnen warf. Er muss im Gerichtsprotokoll nachsehen: Es war der 6. April, als er zum Mörder wurde. Nein, er habe keine Vorurteile gegenüber den Tutsi gehabt, sagt er. Seine eigene Mutter sei eine Tutsi gewesen, tot nun, doch damals habe sie den Völkermord überlebt, weil er sie gewarnt habe.

"Bapfuye Buhagazi", lebende Tote, nennt man auf Kinyarwanda, der Sprache des Landes, jene, die sich nie mehr erholten von dem Entsetzen und der Trauer um die toten Angehörigen: die vergewaltigten Frauen, die heute an Aids sterben; die Überlebenden, die keine Familie mehr haben; die Männer und Frauen, die mit schweren Wunden leben; die Krüppel mit den abgehackten Armen und Beinen; die Alten, die darauf setzten, dass ihre Kinder sie versorgen und die nun keine Kinder mehr haben, die mühselig noch immer ein Stück Land beackern. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Kaum Zeit, um zu heilen.

Rubona, Munyarugambas Wohnort, ist ein 1.700-Einwohner-Dorf in der gleichnamigen Provinz. Die Straßen dort sind frisch asphaltiert, bescheidener Wohlstand zeigt sich an den Häusern mit den neuen blitzenden Wellblechdächern. Frisch verputzt auch das Gemeinschaftshaus des Ortes, in dem der Bürgermeister sitzt und gerade mit dem Gemeinderat über ein soziales Fußballprojekt berät. Eine lokale Hilfsorganisation will in Rubona Hutu- und Tutsi-Kinder gemeinsam auf Tore schießen lassen. Der Bürgermeister von Rubona spricht nicht von Hutu, nicht von Tutsi, er spricht von Bürgern des Dorfes, vom Zusammenleben und Miteinander. "Wir", sagt der Bürgermeister und meint damit alle Ruander, "haben die Pflicht, unsere Kinder im Geiste der Einheit zu erziehen und den Hass im Keim zu ersticken."

Munyarugambas Haus ist armselig und schmutzig. Es steht hinter einer Ladenzeile; die zwei Räume, einer zum Wohnen, einer zum Schlafen, sind kahl. Nur ein kitschiges Jesusbild und ein Kalender von 2003, auf dem der heutige Präsident Paul Kagame noch in Uniform abgebildet und als "Major General" bezeichnet ist, schmücken eine Wand. Kagame und seine Rebellenarmee befreiten das Land im Juni 1994 und beendeten das mörderische Treiben von Leuten wie Munyarugamba. Mit dem 20. Jahrestag des Genozids soll auch nach und nach die Phase der Aufarbeitung zu Ende gehen. Ruanda strebt nach Zukunft, und bei aller Überzeugung, dass die Erinnerung wichtig ist, soll der Blick nach vorne gerichtet werden. Was bleibt, ist eine gespaltene Gesellschaft.

Auf der einen Seite die Jungen und die, die den Genozid einigermaßen unbeschadet überstanden, die jetzt nach Wohlstand und Frieden streben, die ins glitzernde Kigali drängen und in den Coffeeshops der Hauptstadt ihren Caramel Macchiato trinken. Auf der anderen Seite die, deren Wunden noch nicht geheilt sind. Längst sind nicht alle Toten ordentlich bestattet worden, weil niemand weiß, wo sie verscharrt wurden, und nicht jede Familie hat das Gefühl, der Gerechtigkeit sei durch die Verfahren gegen die Mörder Genüge getan.