Was ist so schlimm an der Bild-Zeitung? Als treuer Facebook-Leser kann ich inzwischen ziemlich gut vorhersagen, was ich jeden Tag in/auf meinem Newsfeed finden werde: Meine konservativ-religiöse Verwandtschaft in Amerika wird einen Link setzen, der entweder Jesus preist oder Obama verdammt; meine Cowboypunk-Nichte in Berlin wird ein cooles Konzert ankündigen, für das ich zu alt bin; meine militante Feministen-Verwandtschaft in New York wird mich belehren, welche Wörter ich diesen Monat nicht benutzen darf, wenn ich die LGBT-Gemeinde nicht beleidigen will, und meine deutschen Freunde werden auf die Bild-Zeitung schimpfen. Das mit der Bild-Zeitung wundert mich, seit ich die Deutschen kenne.  

Diese Woche ging die Aufregung darum, dass eine Bild-Schlagzeile verlangt hätte, der Sowjetpanzer am russischen Ehrenmal am Brandenburger Tor müsse weg (wegen der Krim und so: böser Panzer!). Scheinbar ist genau dieser Russenpanzer unter meinen pazifistischen, anti-imperialistischen linken Freunden äußerst beliebt, denn sie fanden diese Forderung der Bild reaktionär, volksverhetzend, beinahe rechtsradikal und insgesamt eine Schweinerei (wegen der Deutschland-Befreiung und so: guter Panzer!). Mehrere Stunden lang war meine Facebook-Seite voller Beteuerungen, wer für die Bild-Zeitung arbeite, sei ein schlechter Mensch.

Nun ist es so, dass wir Amis auch gern auf Fox News schimpfen, und die Bild-Zeitung ist ja noch älter und deutlich erfolgreicher als Fox News. Doch wer neutral über die Bild nachdenkt, muss zugeben, dass sie auch ihre guten Seiten hat.

Ich erinnere mich zum Beispiel an die Reaktion der Presse, als 1992 in Rostock-Lichtenhagen die Ausschreitungen gegen Ausländer losbrachen. Die meisten seriösen Zeitungen berichteten mehr oder weniger sachlich und neutral darüber. Bild aber druckte das Foto des "hässlichen Deutschen" ab: eines besoffenen Passanten, der in die Hose gepinkelt hatte und den Hitlergruß zeigt. Die Überschrift lautete, wenn ich mich nicht irre: "Deutschland, schäm dich." Ich fand die Überschrift passend. (Korrektur hierzu am Ende des Artikels)  

Verachtung für jeden, der kein Abi hat

Viele aus der schreibenden Zunft schätzen schon deshalb die Bild, weil dort Profis arbeiten, die komplizierte Zusammenhänge in wenigen Wörtern darstellen können. Das ist nicht, wie manch ein Akademiker sich einbildet, verwerflich, sondern eine hohe Kunst, die die Kommunikation effektiv macht, und die nur wenige Autoren beherrschen. Auch ich nicht. (Bild würde dazu schreiben: Neid!)

Das ist wohl auch der Grund, warum die Bild-Zeitung Deutschlands einzige Arbeiterzeitung ist. In einem Land, das Karl Marx zu seinen Nationalhelden zählt, würde man meinen, es gäbe seriöse Versuche, eine linke Zeitung für Arbeiter auf die Beine zu bringen. Nichts da. Linke Zeitungen in Deutschland werden exklusiv und bewusst für das gehobene Bildungsbürgertum geschrieben. Schon in der gehobenen, intellektuell fast verzweifelt überzogenen Grammatik der meisten Sätze der taz spürt man eine tief sitzende Verachtung für jeden, der kein Abi hat.  

Ich verstehe jeden, der nicht mit der Politik der Bild-Zeitung übereinstimmt – ich persönlich zum Beispiel stimme selten mit der Position irgendeiner deutschen Zeitung überein. Trotzdem scheint der Hass meiner linken Freunde auf diese Zeitung seltsam automatisch. Schon deswegen, weil sie sie ja nicht lesen und so nicht wissen, ob die Bild heute inhaltlich noch rechts steht.

Wer Baggy Pants trägt, ist noch kein Rapper

Früher, im alten Rom, haben die verfolgten Christen, die sich untereinander zu erkennen geben wollten, einen Fisch in den Sand gezeichnet, als Symbol ihrer christlichen Zusammengehörigkeit. Der Hass auf die Bild war das Erkennungszeichen der 68er-Generation, und diesen haben ihre Urenkel etwas fantasielos einfach übernommen. Wer sich heute als Linker ausweisen will, schimpft auf die Bild-Zeitung, und schon wissen die anderen: Einer von uns!

Das Schöne dabei: Man muss gar nicht über Argumente nachdenken. Was Baggy Pants für Teenies, ist Bild-Bashing für Linke. Aber nur, weil man Baggy Pants trägt, heißt das noch lange nicht, dass man auch Rapper ist.

Als ich vor vielen Jahren von Amerika nach Deutschland kam, wollte ich als erstes wissen, was wohl der größte Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern sei. Die Antwort kam immer wieder wie aus der Pistole geschossen: "Ihr Amis denkt in Schubladen. Wir Deutschen denken differenzierter."  
Das ist eine hilfreiche Einschätzung, weil selbst ich als Ami es mir merken kann: Amerika: Schubladendenken. Deutschland: Differenziert. Nun würde ich mich nie erdreisten, den Deutschen ähnliches vorzuwerfen, aber wenn ich es unbedingt müsste, würde ich den öffentlichen Dialog hierzulande in folgende Schubladen einteilen: 

Schublade 1: "links", "gut", "richtig" und "intelligent".
Schublade 2: "rechts", "schlecht", "falsch", "dumm" und "Bild".
Schublade 3: Gibt’s nicht.

Manchmal – nur manchmal – würde ich bloß gern Gedanken hören oder lesen, die nicht automatisch in eine der beiden Schubladen fallen.

Anmerkung: In dem Absatz zur Berichterstattung der Bild-Zeitung über die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992 ist dem Autor leider ein Fehler unterlaufen, wie Stefan Niggemeier im BILDblog anmerkt. Wir bitten dafür um Entschuldigung.