Alma de Zárate führt ein Logbuch, in dem sie sich nach jeder Unterrichtsstunde selbst einschätzt. "Habe mich angestrengt", steht dann da, oder: "Gerade den Satz des Pythagoras gelernt." Sie bekommt keine Noten und keine Hausaufgaben, und teilt sich den Klassenraum mit jüngeren und behinderten Kindern. Die 14-Jährige ist begeistert vom Unterrichtskonzept der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Kann es etwas Besseres geben, als eine Schule, in der neben Mathe und Deutsch auch die Fächer Herausforderung und Verantwortung unterrichtet werden? In der Zeit ist für Kreativität, Projektarbeit und Ehrenamt?

Alma de Zárate hat dieses Jahr gemeinsam mit Mitschülerinnen und Stern-Journalist Uli Hauser ein Buch herausgebracht. Wie wir Schule machen. Lernen, wie es uns gefällt, heißt es. Sie wirbt darin für ihren Schulalltag, den de Zárate genau so für richtig hält.

Auch Schulleiterin Magret Rasfeld preist auf Tagungen und Reisen überzeugt ihr Projekt an. Der Fokus auf die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ist für sie die einzige und klare Antwort auf ein Schulsystem, das selektiert und vorwiegend auf Defizite schaut. Am Sonntagnachmittag sind die Schülerin und ihre Schulleiterin zwei von sieben Podiumsgästen, die vor den Teilnehmern des Jungen Bildungskongresses 2014 in Berlin ihre Ideen von Bildung diskutieren. Organisiert wurde er von der Initiative Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution.

Streit um die Alternativen

Pädagogik-Professorin Felicitas Thiel bremst Rasfeld: Selbstständiges Lernen sei zwar super. Aber es setze auch ein Bewusstsein für Lernabläufe, sprich: die Fähigkeit zur Metakognition voraus, die bei vielen Kindern noch nicht ausgereift sei.  

Also doch lieber Lernen nach Plan? Was wiegt mehr – wissenschaftliche Studien, die besagen, dass kleine Klassen oder individualisiertes Lernen nicht verantwortlich sind für bessere Leistungen oder eine Schülerin, die vom Lernen begeistert ist? Die Bildungsdebatte ist deshalb so schwierig, weil sie eine Vielzahl von Standpunkten durcheinanderwirft. Wenn, wie Thiel sagt, die wichtigste Stellschraube die Lehrerbildung ist – in welche Richtung muss man sie drehen? Warum bekommt Lehrer des Jahres Robert Rauh aus dem Plenum empörten Gegenwind, als er sagt, "Gymnasien haben auch Vorteile"? Und wo unter den Teilnehmern sind die Nicht-Akademiker, die Auszubildenden, die, so Wolfgang Gründinger, der Sprecher der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, in der Bildungsdebatte doch eine zentrale Rolle spielen müssten? Eigentlich sind sich die Experten nur in einem Punkt einig: "So, wie es ist, ist es uncool."

Am Vortag hatten die Kongressteilnehmer in Zukunftswerkstätten versucht, Utopien für ein besseres Bildungssystem zu spinnen. Die Probleme, die auf der Agenda stehen, sind altbekannt. Da ging es um starre Schüler-Lehrer-Hierarchien, soziale Selektion, zu viel Druck, Inklusion und den Numerus Clausus. Um Schüler, die Angst vor dem Versagen haben.

Die Revolution bleibt aus

Die Berliner Schülervertreterin Liliana Smitmans hat sich für die Zukunftswerkstatt Schule angemeldet. Sie sitzt am Fenster und diskutiert mit Rosemarie Hein (Die Linke), die im Bildungsausschuss des Bundestages sitzt. "Ich möchte den Politiker sehen, der sich in der Abiturphase zwei Wochen mit mir in den Unterricht setzt, sagt die 17-Jährige. "Und der mir dann sagt, er findet diesen Leistungsdruck gut", und: "Was bringt es denn, wenn Mathe in der Oberstufe verpflichtend bleibt, und am Ende jeder Zweite Nachhilfe braucht?" Wie die meisten der teilnehmenden Schüler sieht Smitmans die Antwort auf ihre Unzufriedenheit in einem notenfreien Gesamtschulsystem. Während das einer teilnehmenden Mutter dann doch zu "laissez faire" ist, wünscht sich Rosemarie Hein noch viel mehr Revolution.