Die Demonstranten haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam: Es sind Rentnerpärchen mit Hund gekommen, Punks mit Klappstühlen, Männer in Bomberjacken. Eine kleine Gruppe bastelt sich Aluhüte, um sich über die Kritik an ihnen als Spinner lustig zu machen. Die weiße Friedenstaube auf blauem Grund klebt an vielen Jacken, einer trägt einen Pullover mit der Aufschrift "9/11 selbstgemacht".

Was diese Menschen eint, die am Ostermontag auf dem Potsdamer Platz zusammengekommen sind, ist die Überzeugung, dass etwas falsch läuft – und das diffuse Gefühl der eigenen Ohnmacht. Max, 25, ist Berliner und schon das dritte Mal auf der Mahnwache. "Die Leute in der Politik geben einen Scheiß um uns", sagt er. Zusammen mit seinem Freund Felix ist er hier, Vornamen sollen reichen, sagen die beiden Studenten. "Es geht nicht klar, was hier schief läuft auf der Welt." Dazu zählen für Max vor allem die Außenpolitik der USA und die "Kriegshetze der Medien" gegen Russland. Schuld daran sei das Zinssystem.

Damit liegen sie ziemlich genau auf der offiziellen Linie der Veranstaltung: Seit sechs Wochen gibt es in Berlin und inzwischen in mehreren weiteren Städten diese neue Art von Montagsdemo, laut Polizei sind an diesem Ostermontag 1.500 Menschen auf den Potsdamer Platz gekommen. "Mahnwachen für den Frieden" nennt der Anmelder Lars Mährholz sie. Als Gegner hat er das Finanzsystem und die Medien ausgemacht. 

"Das ist im Prinzip nichts Neues", sagt der Rechtspopulismus-Experte Alexander Häusler. Er sieht in der Zinskritik und dem Antiamerikanismus der Protestler typische rechte Verschwörungstheorien. Für eine Neue Rechte oder gar eine Bedrohung hält er die Bewegung jedoch nicht – dafür sei sie zu heterogen. "Das ist keine in sich konsistente Bewegung."

Lars Mährholz, 34, hat vor sechs Wochen begonnen, die Mahnwachen in Berlin zu organisieren, sagt er. Inzwischen gebe es bundesweit etwa 40, koordiniert in einem losen Netzwerk von Mährholz und einigen Unterstützern, die bei Bedarf die anderen Städte auch mit Flyern versorgten.

Rhetorische Profis

Die Redner, die in Berlin auftreten, betonen, dass es um die Inhalte gehe und statt ihrer auch jeder andere am Mikrofon stehen könnte. Was sie nicht sagen: Die drei prominentesten Redner kennen sich auch außerhalb der Mahnwachen und sind rhetorische Profis.

Das ist zum einen Ken Jebsen. 2011 wurde der Journalist vom RBB gekündigt, nachdem antisemitische Äußerungen von ihm bekannt geworden waren. Seitdem hat er sich den Kampf gegen die "gleichgeschalteten Medien" auf die Fahnen geschrieben. Jebsen ist Autor von Compact und tritt auf den Konferenzen des Magazins auf. Für Compact schrieben auch schon Eva Herrmann und Thilo Sarrazin.

Dessen Chefredakteur, Jürgen Elsässer, ist am Ostermontag ebenfalls als Redner dabei und möchte sein rechtes Image offenbar loswerden, zumindest heute: Die Rechten, das habe die Geschichte gezeigt, wollten Krieg. Wer Frieden wolle, so wie er und seine Mitstreiter, sei dagegen links. Er assoziiert drauflos: So wie Luxemburg gegen den Ersten Weltkrieg und Thälmann gegen den Zweiten gekämpft habe, gehe nun diese neue Bewegung – "wir" – gegen einen dritten Weltkrieg auf die Straße. "Der Wahre Antifaschismus steht hier auf dem Platz!" ruft er. Unten im Publikum steht der Berliner NPD-Vorsitzende Sebastian Schmidtke.

Auch Verschwörungs-Hip-Hop gehört dazu


Auf einer der von Elsässer organisierten Konferenzen sprach im vergangenen Jahr auch Andreas Popp, Unternehmer und Betreiber der Wissensmanufaktur, einem "unabhängigen Institut für Wirtschaftsforschung und Gesellschaftspolitik", Thema: Geld und das Zinssystem.

Der Sozialwissenschaftler Häusler zählt Popp zu den "Gesellianern", die als Lösung aller Probleme die Abschaffung des Zinssystems ausgemacht haben. Häusler hält diese Gruppe für eine Sekte und sieht Anknüpfungspunkte an den nationalsozialistischen Zinskritiker Gottfried Feder.

Popp spricht regelmäßig auf den Konferenzen der verschwörungstheoretischen "Anti-Zensur-Koalition" des Schweizers Ivo Sasek. DVDs dieser Konferenzen werden in Berlin vor dem Podium verteilt, neben der Rede von Popp sind darauf auch Beiträge über Chemtrails und "Genderismus" zu finden, und über "Germanische Neue Medizin".

Auf der Mahnwache am Potsdamer Platz nennt Popp Politiker "Politikdarsteller", die lediglich bezahlt würden, um eine Show für "die Medien" zu veranstalten. Vorher übermittelt er Grüße an die Demonstranten von Sonja Karas aus dem Vorstand der Brandenburger Grünen. Später wird ihre Partei sagen, dass sie sich von dieser Botschaft distanziert und Karas privat auf der Veranstaltung gewesen sei, weil sie Popp kenne. Die Mahnwachen nennt der Grünen-Sprecher "zutiefst besorgniserregend".

Auf den Konferenzen der "Anti-Zensur-Koalition" trat 2009 auch die Hip-Hop-Band Die Bandbreite auf. Auch an diesem Montag am Potsdamer Platz spielen sie, Die Wahrheit heißt der erste Song. Sich selbst bezeichnet der Rapper Wojna als links, in der Vergangenheit stand die Band wegen ihrer antiamerikanischen Haltung und ihrem Hang zu Verschwörungstheorien immer wieder in der Kritik.

Über das diffuse "Die da oben"-Polemik von Popp geht seine Kritik aber nicht hinaus – es gibt keine Programmatik, keinen logischen nächsten Schritt. "Was tun?", fragt er rhetorisch und antwortet sich selbst mit "Flagge zeigen". Er fordert die Zuhörer auf, grundsätzlich alle Wahlen zu boykottieren – und auf das Fernsehen zu verzichten: Die "Mainstream-Medien" hätten jede Glaubwürdigkeit verloren, sagt Popp. "Wir haben keine Firewall im Hirn. Die Manipulation durch die Medien kann deshalb direkt ins lymbische System eindringen."

Unter Fallschirmspringern

Der Berliner Anmelder Märhholz hat bisher als Trainer für Fallschirmspringer gearbeitet und ist politisch noch nicht in Erscheinung getreten. Er sagte ZEIT ONLINE, er habe Popp und Elsässer nicht gekannt, und Jebsen nur einmal beim Fallschirmspringen gesehen.

Vor der ersten Mahnwache habe er Jebsen angeschrieben und gefragt, ob er nicht dort sprechen wolle – und eine Absage bekommen. Beim zweiten Termin stand Jebsen dann plötzlich vor der Bühne, später rief Popp bei Mährholz an, Elsässer hatte am Ostermontag seinen ersten Auftritt. Mährholz selbst sprach nur kurz und überließ den professionellen Verschwörungstheoretikern das Mikrofon.