Ein Busfahrer, der vor der Kühlerhaube zum Gebet niederkniet. Männer im teppichbehängten Teehaus mit Blechofen, die einer Wahlsendung auf dem Flatscreen folgen. Ein afghanischer Familienvater, mit fünf Kindern auf dem Moped. Oder, noch ein Bild aus Kabul, ein Junge auf dem Kettenkarussell, der mit einer Spielzeug-MP feuert.

Die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus hat über zwei Jahrzehnte in Afghanistan, Pakistan, Nahost und Bosnien gearbeitet; für ihre Irak-Reportagen gewann sie mit einem Team der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) 2005 den Pulitzerpreis.

Am Freitag wurde die 48-Jährige in der ost-afghanischen Unruheregion Chost unweit der Grenze zu Pakistan erschossen. Gemeinsam mit ihrer kanadischen Journalisten-Kollegin Kathy Gannon saß sie in einem Autokonvoi, die beiden berichteten über die Präsidentschaftswahlen am morgigen Samstag in Afghanistan.

Ein mutßmaßlicher Polizist näherte sich dem Wagen und eröffnete mit den Worten "Allahu Akbar" (Gott ist groß) das Feuer, anschließend ließ sich er sich widerstandslos verhaften. Niedringhaus war sofort tot, Gannon überlebte schwer verletzt und wurde in ein Krankenhaus gebracht.

Die Taliban, die Angriffe auf die Wahlen angekündigt haben, wiesen bereits jede Verantwortung für den Mord zurück. Auch die Bundesregierung schaltete sich in den Fall ein. Die deutsche Botschaft in Kabul sei "mit Nachdruck um Aufklärung bemüht", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin.

"Ein raues Lachen, das wir niemals vergessen werden"

Frauen als Kriegsfotografinnen sind eher selten. "Sie war eine lebhafte, dynamische Journalistin, die wir alle wegen ihrer einfühlsamen
Aufnahmen, ihrer Warmherzigkeit und ihrer Liebe zum Leben sehr mochten", sagte AP-Chefredakteurin Kathleen Carroll über ihre ermordete Kollegin. AP-Präsident Gary Pruitt beschrieb sie in einer Botschaft an die Mitarbeiter der Agentur als "geistreich, kühn und furchtlos – und mit einem rauen Lachen, das wir niemals vergessen werden".

Auch Kollegen der Agentur Reuters zollten Niedringhaus Respekt und Hochachtung. "Anja zählte zu den Besten der Welt – egal, ob es um Bilder vom Schlachtfeld oder aus dem Tennis-Court ging", sagte Chris Helgren, einer der leitenden Reuters-Fotoredakteure. "Sie wirkte furchtlos, aber sie war auch eine sehr loyale Freundin mit viel Witz. Mit ihrer Anwesenheit konnte sie uns noch in den schlimmsten Einsätzen aufmuntern."

Keine Zuschauerin, sondern mittendrin

Wer keine Angst hat, sagte Niedringhaus einmal, bei dem stimmt etwas nicht. Ihre Fotos lassen den Betrachter erahnen, wie unerschrocken sie dennoch war. Vernarbte Schädel, verwundete Zivilisten, verstümmelte Bombenopfer, tote Soldaten zeigte sie auf ihren Bildern, im Hintergrund die Feuer und Rauchschwaden der Schlacht.

Sie war keine Zuschauerin, sie war mittendrin. Und die Kamera, hat sie einmal ehrlich gestanden, sei ihr dabei ein Schutz, etwas, das Distanz schaffe – schon deshalb, weil sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren musste. Gleichwohl wurde sie auf ihren Reportagereisen öfter verletzt.

"Was ist eigentlich da, wo es einschlägt?", wollte Niedringhaus wissen. Und hat vor allem die menschlichen Momente mitten in der Unmenschlichkeit des Krieges festgehalten, die Absurditäten eines eigentlich unmöglichen Alltags. Die Sonnenblume am Helm des GIs. Das Kistchen mit Kerzenstummeln, die sich ein deutscher Soldat zum Geburtstag in den afghanischen Bergen anzündet. Die Palästinenserinnen, die sich am Rande von Gaza City auf einem Rummelplatz vergnügen. Oder ein bis an die Zähne bewaffneter Soldat, der einem afghanischen Jungen am staubigen Straßenrand den Fußball zurück kickt.

Durchbruch mit Fotos vom Mauerfall

Auf ihrer Website finden sich zahlreiche solcher Schnappschüsse, aber auch sorgsam, ja liebevoll ausgeleuchtete Bildkompositionen. Eins ihrer bekanntesten Fotos aus dem Irak zeigt einen blutjungen US-Soldaten, der auf dem Rücken eine GI-Joe-Puppe in seine Schutzweste gesteckt hat. Ein Kinderspielzeug als Voodoo-Puppe gegen den Tod.

1965 im westfälischen Höxter geboren, fotografierte Niedringhaus zunächst für die Neue Westfälische, studierte Germanistik, Philosophie und Journalismus. Ihre Fotos vom Fall der Mauer verschafften ihr einen Job bei der European Press Photo Agency (EPA), seit 2002 arbeitete sie für AP.

Den Begriff "Kriegsfotografin" mochte Anja Niedringhaus gar nicht. Sie könne nicht helfen, nur dokumentieren, dabei sein, sagte sie. Stellvertretend für Tausende andere. Ihren letzten Einsatz hat sie nun nicht überlebt.

(mit dpa, Reuters)