Im Dossier der aktuellen ZEIT geht es um Regeln: Gibt es in Deutschland zu viele Verordnungen, Vorschriften und Verbote? Hier berichten Korrespondenten, wie es in ihren Ländern mit den Regeln aussieht. Folge 3: Indien

In Indien verhält es sich mit den Regeln vor allem so, dass sie nicht für jeden gleich sind. Der Verkehr ist generell chaotisch, auf einer dreispurigen Straße schlängeln sich viereinhalb Autokolonnen voran, geparkt wird überall – aber neulich wurde ein Fahrer von der Polizei wegen gefährlichen Verhaltens angehalten, weil er den Konvoi des Schwiegersohns von Sonia Gandhi überholt hatte. Unvorstellbar, wenn kein VIP betroffen gewesen wäre.

Es gibt ein paar sensible Zonen, in denen der Staat im Alltag verlässlich streng agiert. Wer zum Beispiel Alkohol einzuschmuggeln versucht (in Indien mit hohen Importzöllen belegt), bekommt wirklichen Ärger. Und um eine SIM-Card für ein Prepaid-Mobiltelefon zu kaufen, muss man persönlich im Shop erscheinen und seinen Pass mitbringen, von dem sorgfältig eine Kopie angefertigt wird. Dass Terroristen solche Handys mit Vorliebe benutzen, gilt als ernsthafte Gefahr. Wenn die nationale Sicherheit oder der nationale Stolz berührt sind, kann Indien ungemütlich oder kleinlich werden; gerade hat man mir beschieden, dass ich als ausländischer Journalist keine Genehmigung für den Besuch eines Gefängnisses erhalte.

Doch normalerweise ist der indische Staat weit weg, tritt den kleinen Leuten zwar durch Schikanen gegenüber, aber lässt sich von der Mittel- und Oberschicht durch Bestechung leicht umgehen, gleichgültig ob es ums Steuerzahlen oder die Baugenehmigung geht.

Die kastenlose Unterschicht ist offiziell verboten

Die wirklich wichtigen Regeln in Indien sind weniger staatlich als gesellschaftlich. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist die soziale Ächtung der Unberührbaren, der kastenlosen Unterschicht, durch die indische Verfassung abgeschafft und verboten, aber immer noch kommen aus dieser Gruppe die Dienstleister, die aus den Häusern der Bessergestellten den Müll abholen und ihn mit bloßen Händen nach verwertbaren Resten durchsuchen.

Nirgendwo steht geschrieben, dass ein muslimischer Bekannter von mir in den Vierteln von Süd-Delhi, die ihm am besten gefallen, keine Wohnung mieten darf; aber auf geheimnisvolle Weise ist das Appartement, um das er sich beworben hat, immer plötzlich weg, und am Ende bietet ihm sein Makler eine Wohnung im einzigen besseren Quartier an, in dem schon immer viele Muslime gelebt haben.

Nach wie vor begründen viele Inder ihre Familie nicht mit einer Liebesheirat, sondern mit einer von den Eltern und der gesamten Verwandtschaft arrangierten Ehe, die mindestens so sehr eine Firmenfusion ist wie eine Gefühlssache – und das gilt beileibe nicht nur für  rückständige Kreise, sondern auch für die junge Elite, die vielfach im Ausland studiert hat und die Welt genau kennt. Bei uns im Westen sich die rechtlichen Regeln hart und die sozialen weich. In Indien ist es umgekehrt.