Was Sebastian Edathy, Katja Riemann und die Giraffe Marius verbindet? Oberflächlich haben der Politiker, die Schauspielerin und das Zootier wenig miteinander zu tun. Wer jedoch in den Maschinenraum der Aufmerksamkeitsökonomie hinabsteigt, findet etwas, das die drei Medienwesen durchaus eint: eine gewisse Schizophrenie.

Ob auf dem Finanzamt oder dem Maidan-Platz in Kiew, in Klums Magersuchtzucht oder der Tagesschau, bei Knut und Wulff, im Internet oder im Straßenverkehr: Überall manifestiert sich das Missverhältnis zwischen dem, was die Masse als Skandal empfindet, und dem, was wirklich skandalös ist. Sebastian Edathys Pädophilie wird für andere erst dann zum Problem, wenn er sie auch auslebt. Das Amtsgericht Hannover jedoch ließ sein Haus bereits durchsuchen, obwohl der Vorsitzende vom NSU-Untersuchungsausschuss nur im Besitz legaler Nacktbilder war, wogegen der Beschuldigte nun vorm Bundesverfassungsgericht klagt. Dem Boulevard aber reichte der Anfangsverdacht aus, um ihn aufs mediale Schafott zu führen. Dort darf er Gnade nur noch erbetteln und hat sein Recht auf weitere Bezüge ebenso verwirkt wie das auf Unschuldsvermutung – als sei er längst schwerster Verbrechen überführt. Da hält die Wirklichkeit mit dem Wahn schlicht nicht Schritt.

Bei Katja Riemann ist es umgekehrt: Als sie Ende März als Fahnderin gegen Steuerbetrüger ermittelte, bebildert der ARD-Film ein Delikt, das dem Gemeinwesen ganz enorm schadet, wie jede Polizeistatistik belegt, zwischen all den Triebtätern in der Krimiflut aber kaum Platz hat in der Primetime. So wenig wie Marius im Kopenhagener Zoo. Aus Zuchtgründen verfütterte der die gesunde Giraffe an Löwen. Ein Tier frisst ein anderes, eigentlich ein natürlicher Vorgang. Trotzdem zog er einen globalen Proteststurm nach sich.

Drei Namen, drei News, die den Realitätsverlust der Mehrheitsgesellschaft gut skizzieren. Denn so pervers Edathys Neigung aus deren Sicht ist: Solang sie nie zu strafbaren Handlungen führt, ist Pädophilie wie jede sexuelle Phantasie Privatsache. So asozial Wirtschaftskriminalität dagegen sein mag, so konkret und fatal ihre Folgen: Fiktional geht ihr Unterhaltungswert verglichen mit plakativer Gewalt gegen null. Und so sehr verfütterte Giraffen verstören: Jedes Putensteak auf dem Teller übertrifft die angeprangerte Tierquälerei um ein Vielfaches.

Gewissen schlägt Gehirn

Welche Dinge für Hysterie sorgen und welche nur Ignoranz hervorrufen, was erregt und was gleichgültig ist – es sagt wenig über die Sache, aber viel übers Gemüt. Das kollektive "Spaltungsirresein", wie Schizophrenie wörtlich heißt, entspringt hier nämlich nicht im Gehirn, sondern im Gewissen.

So wird etwas klarer, warum wir Missbrauch als Todsünde geißeln und dabei Kleider von kik bis Nike tragen, die Gleichaltrige in den Folterkellern der Globalisierung nähen. Fürs elende Zoodasein eines Eisbären kämpfen und den Lebensraum von Knuts Artgenossen mit Billigfleisch aus dem Tier-KZ vernichten. Die Energiewende wollen, bloß keine Stromtrasse vor der Tür. Über verödete Innenstädte mosern, aber im Einkaufszentrum auf der Grünen Wiese shoppen. Prominente Steuerkriminelle anprangern, unsere Nachtlektüre jedoch als Fachliteratur absetzen. Den windigen Ex-Bundespräsidenten zur Hölle wünschen, aber dem windigeren Ex-Bayernpräsidenten die Champions League.