Als Annette Schavan im Frühjahr 1965 in der Pfarrei Heilig Dreikönig in Neuss zur Kinderkommunion ging, war die rheinisch-katholische Welt noch in Ordnung. Der Jugendkaplan, Norbert Feldhoff mit Namen, und sein Chef Pfarrer Heinz-Werner Ketzer galten etwas im politischen Neuss. "Das waren fröhliche Menschen, man merkte, dass die Religion, von der sie so selbstverständlich sprachen, etwas Wichtiges sein musste", erinnert sich Annette Schavan. Die beiden Geistlichen brachten es weit: Sie wurden Dompropst des Kölner Doms und erhielten den Orden Wider den tierischen Ernst. Rheinisch-katholische Musterkarrieren und Vorbilder eines Katholizismus, der sich nicht so wichtig nahm, aber von den Menschen wichtig genommen wurde.

"Nun schließt sich ein Kreis", sagt Schavan. Der Kreis, der in Neuss begann, führt sie über die "kulturprägenden Formen des Katholizismus in Baden-Württemberg" und besonders den "oberschwäbischen Katholizismus mit seiner prächtigen Ausstrahlung" am Bodensee nun – direkt in den Vatikan, ins Zentrum ihrer Kirche. Vom 1. Juli an ist Annette Schavan deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl.

Ihre Karriere sehen selbst ihre politischen Gegner mit Anerkennung. Referentin bei der bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk, Abteilungsleiterin beim Generalvikariat in Aachen, Bundesgeschäftsführerin der Frauen-Union, Geschäftsführerin Cusanuswerk. Dann der große Sprung: 1995 beruft Erwin Teufel seine Parteifreundin ins Amt der Kultusministerin von Baden-Württemberg. Zehn Jahre prägt sie die Schullandschaft im Ländle. Dann, 2005, wechselt sie in den Bundestag und übernimmt, von 2005 bis 2013, das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Erschienen in Christ & Welt

High-Tech-Strategie, Exzellenzinitiative, Hochschulpakt, Pakt für Forschung und Innovation, Zentren für Gesundheitsforschung, internationale Wissenschaftsabkommen – Schavan ließ kein Thema liegen, das ihr für die Wissenschaftslandschaft bedeutsam schien. Sie tat das auch dann nicht, als sie dabei über Kreuz kam mit ihrer Kirche, vor allem in dem Konflikt um die Möglichkeit einer kontrollierten Stammzellforschung. Annette Schavan, die katholische Forschungsministerin, wollte das nicht platt verbieten. Der damalige Kölner Kardinal Meisner forderte, man solle der CDU das C aus ihrem Parteinamen streichen. Am liebsten hätte er all jene katholischen Abgeordneten, die sich Fundamentalpositionen verweigerten, exkommuniziert.

Konservative Katholiken liefen Sturm gegen die CDU-Politik. Die CDU hatte mehrheitlich eine Schwangerschaftskonfliktberatung mitgetragen, die einen Beratungsschein als Voraussetzung eines Schwangerschaftsabbruchs ermöglichte. Auch aus dem Vatikan kam Kritik. Noch heute wundert sich Annette Schavan über die Heftigkeit der damaligen Debatten: Immer habe sie für Kompromisse im Sinne katholischer Ethik gekämpft, für Lebensschutz und Menschenrechte, sagt sie, hundertprozentige Positionen ließen sich im Meinungskampf der Politik eben nicht durchsetzen.

Dieser Kritik aus der Vergangenheit wird Schavan im Vatikan begegnen. Die mächtige vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre leitet mittlerweile Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Früher war er Bischof von Regensburg und ein entschiedener Gegner der Politik Schavans, ein Gegner auch aller Bestrebungen, die Lehre der katholischen Kirche an die gesellschaftliche Gegenwart anzupassen oder gar den Laienkatholizismus aufzuwerten. Nicht von ungefähr hat daher die Bild-Zeitung berichtet, im Vatikan gebe es Bedenken gegen ihre Berufung. Doch Schavan bekam schnell das Agreement, das lässt nicht auf große Widerstände schließen.