ZEIT ONLINE: Frau Woellert, Sie haben herausgefunden, dass Menschen mit Migrationshintergrund den einheimischen Deutschen immer ähnlicher werden: Sie leben häufiger allein, gründen seltener Familien und haben weniger Kinder – kann man das als Integrationserfolg bezeichnen? 

Franziska Woellert:  Integration kann man unterschiedlich definieren und eine Annäherung an Lebensweisen ist zumindest ein Indiz dafür, dass sich eine Gesellschaft nicht komplett in zwei verschiedene Teile teilt. Wir haben aber vor allem die sozioökonomische Integration gemessen, also Indikatoren wie Bildungsstand, Erwerbstätigkeit und auch den Anteil von Menschen in Vertrauensberufen wie Polizisten, Erzieher und Ärzte.
 
ZEIT ONLINE:
Sie haben die Lage von acht verschiedenen Migrantengruppen verglichen, mit dem Ergebnis, dass die Gruppe der Türken am schlechtesten integriert ist. Warum ist das so? 

Woellert: Das liegt vor allem daran, dass ein Großteil in den sechziger Jahren als Gastarbeiter angeworben wurde. Da wurde bewusst nach geringqualifizierten Migranten gesucht. Danach gab es eine hohe Zuwanderung durch Familiennachzug, der nicht besser gebildet war, im Gegenteil, eher noch schlechter. Bei den in Deutschland geborenen Türkeistämmigen – das ist inzwischen jeder zweite dieser Gruppe – verbessern sich die Werte zwar deutlich, aber gerade bei der höheren Bildung und im Erwerbsleben nur sehr langsam. 

ZEIT ONLINE: Woran liegt das? 

Woellert: Das deutsche Bildungssystem ist dafür bekannt, dass es Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Haushalten benachteiligt. Die Kinder aus Gastarbeiterfamilien haben es auch deshalb schwer, weil die Eltern sich zwar eine Bildungskarriere ihrer Kinder wünschen, aber die Förderung aus dem Elternhaus einfach fehlt. Das deutsche Bildungssystem ist nicht drauf eingerichtet, das aufzufangen. 

ZEIT ONLINE: Was müsste sich ändern? 

Woellert: Integration ist zwar ein wichtiges Thema in Deutschland, aber es wird in verschiedenen Sektoren diskutiert und selten zusammengeführt. Woran es fehlt sind einheitliche Ziele, die dann auch überprüfbar sind, und eine Strategie, wie wir sie erreichen wollen. 

ZEIT ONLINE: Was wären denn konkrete Maßnahmen? 

Woellert: Kinder aus Migrantenfamilien müssten früh in die Kita, und dort Deutsch lernen und mit positiven Rollenvorbildern konfrontiert werden. In der Arbeitsmarktpolitik hat sich zwar viel getan, wie auch die OECD bescheinigt, aber an der Umsetzung hapert es zum Teil noch. Zum Beispiel beim Anerkennungsgesetz von ausländischen Bildungsabschlüssen. 

ZEIT ONLINE: Aus welchen Ländern kommen denn momentan die meisten Menschen nach Deutschland? 

Woellert: Die Nettozuwanderung aus der Türkei war negativ in den vergangenen Jahren. Die meisten Zuwanderer kommen derzeit aus den osteuropäischen Ländern, die größte Gruppe aus Polen, sowie aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten Rumänien und Bulgarien. Viele der Neuzuwanderer kommen auch aus Südeuropa, wo die Wirtschaftslage sehr schwach ist. Von dort kommen viele hochqualifizierte Arbeitsmigranten. Bei den Neuzuwanderern zwischen 2005 und 2010 ist der Akademikeranteil doppelt so hoch wie bei den einheimischen Deutschen. 

ZEIT ONLINE: Sie schreiben in der Studie, die Integrationssituation habe sich allein aufgrund der wirtschaftlichen Lage verbessert. 

Woellert: Eine gute Arbeitsmarktlage ist der beste Motor für Integration. Aber das ist natürlich nicht von Dauer, sobald sich für die Hochqualifizierten neue Chancen auftun, in anderen Ländern oder in ihrer Heimat, können die auch sehr schnell wieder weg sein. Wenn wir die wirklich halten wollen, müssen wir auch etwas dafür tun. 

ZEIT ONLINE: In der Studie sprechen sie von einer "Willkommenskultur". Wie könnte die aussehen?

Woellert: Der Begriff ist ja aus einem wirtschaftlichen Bedarf geprägt worden. Die Unternehmen merken, dass ihnen ein Fachkräftemangel bevorsteht und machen Druck auf die Politik. Aber es geht nicht nur um einen Wandel in den Unternehmen, die Integrationspolitik muss sehr viel mehr tun.

ZEIT ONLINE: Kann denn eine offene Kultur durch die Politik verordnet werden? 

Woellert: Nicht verordnet, aber gefördert. Es braucht dafür einen öffentlichen Diskurs, und es braucht Anknüpfungspunkte. Die Politik versucht zwar in Ansätzen zu zeigen, dass sie etwas ändern will, aber das geht lange nicht weit genug. Ein gutes Beispiel ist die Diskussion um die Armutsmigration, die völlig fehlgeleitet ist, und auch die halbherzige Änderung des Optionsmodells der doppelten Staatsbürgerschaft. Solche Diskussionen senden die falschen Signale ins Ausland und widersprechen dem Bild, dass sich Deutschland zum Einwanderungsland entwickelt.

ZEIT ONLINE: Was Ihre Studie ja nicht abdeckt, ist, wie integriert Gruppen und auch einzelne Personen sich fühlen.

Woellert: Wir haben uns auf die strukturelle Integration beschränkt, weil wir die messen können. Aber natürlich muss man diese Ergebnisse immer wieder vor dem Hintergrund der Stimmung im Land interpretieren. Und die wird ja zum Beispiel im Integrationsbarometer des Sachverständigenrats für Migration und Integration gemessen. Wenn man das kreuzt mit unseren Ergebnissen, kriegt man ein relativ umfassendes Bild.