Der Eingang zum Massengrab im irischen Bon-Secours-Kinderheim © Stringer/Reuters

Eines Tages war ihr Baby verschwunden. Die Nonnen hatten es ihr weggenommen. Es war ein Junge, er kam 1955 in dem Heim für "gefallene Mädchen" – ledige Mütter – in der westirischen Kleinstadt Tuam zur Welt. Maire war damals 18, sie hatte sich auf ein Abenteuer mit einem verheirateten Mann eingelassen und die Schwangerschaft verheimlicht, so lange es ging. Irgendwann ging es nicht mehr. Sie vertraute sich ihrer Patentante an, die es den Eltern schonend beibringen sollte. Es nützte nichts, die Eltern schickten sie ins Heim.

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe von Christ & Welt

Es wurde von Nonnen des katholischen Ordens Sisters of Bon Secours betrieben; die führten ein erbarmungsloses Regime. Es ging ihnen um Bestrafung, das ließen sie die "gefallenen Mädchen" spüren. Schmerzmittel wurden nicht verabreicht, erzählt Maire, die ihren Nachnamen nicht nennen will, weil sie sich noch immer schämt. "Wir mussten unsere Kinder in einer Aluminiumwanne zur Welt bringen, damit wir die Betten nicht schmutzig machten", sagt sie. Nach der Geburt durfte das Baby ein paar Stunden bei ihr bleiben, danach sah sie es nur noch sporadisch, und nach sieben Monaten gar nicht mehr. Auf Nachfragen bekam sie keine Auskunft. Lange hatte sie gehofft, dass ein wohlhabendes Ehepaar ihren Sohn adoptiert habe und es ihm gut gehe. Inzwischen weiß sie, dass er in einem Massengrab hinter dem ehemaligen Heim liegt.

Die Historikerin Catherine Corless hatte 2012 herausgefunden, dass zwischen 1925 und 1961 796 Kinder in dem Heim in Tuam gestorben waren. Corless hatte sich auf eigene Kosten und mithilfe einer Bekannten Kopien der Sterbeurkunden von der Kommunalverwaltung besorgt. Aber für lediglich ein Kind gab es eine Bestattungsurkunde. Die Kinder waren auch auf keinem Friedhof in der weiteren Umgebung des Heims beerdigt worden, stellte Corless fest. Sie ermittelte schließlich, dass die Leichname in einem Massengrab hinter dem ehemaligen Heim verscharrt worden waren, manche hatte man einfach in den Abwassertank auf dem Gelände geworfen. Viele waren Neugeborene, das älteste Kind war neun Jahre alt.

Die Skelette wurden schon 1975 entdeckt. Aber niemand forschte nach.

Die Kinder starben an Masern, Lungenentzündung und Tuberkulose; oder sie sind einfach verhungert. Das Gebäude diente zuvor als Arbeitslager für Obdachlose. Als die Nonnen es 1925 übernahmen, benutzten sie den Abwassertank vermutlich weiter, bis das Heim in den Dreißigerjahren an das öffentliche Abwassersystem angeschlossen wurde. Danach ließen sie den Abwassertank umbauen, sodass er die Leichen aufnehmen konnte. Die Skelette wurden schon 1975 entdeckt. Der damals zehnjährige Barry Sweeney und sein zwölfjähriger Freund Frannie Hopkins spielten auf dem Gelände. "Wir waren oft dort", sagt Sweeney. "Und da war diese Betonplatte." Die Jungen hoben die Platte mithilfe einer Eisenstange an. "Wir fanden lauter Skelette", sagt Sweeney. "Keine Leichentücher, keine Särge – nur Knochen, die kreuz und quer lagen. Wir rannten wie die Hasen und erzählten unseren Eltern davon."

Niemand forschte jedoch nach. Die Leute glaubten, es handle sich um Opfer der Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie errichteten eine kleine Grotte mit einer Marienstatue und mähten das Gras regelmäßig. Das Heim war 1961 geschlossen und ein paar Jahre später abgerissen worden. Heute steht eine Wohnsiedlung auf dem Gelände.

Wie die toten Kinder "entsorgt" wurden, ist eine Sache. Die andere ist, wie sie zu Lebzeiten behandelt wurden. Die Babys waren in den Augen der Nonnen "Ausgeburten des Satans" und erfuhren dementsprechend wenig Fürsorge. Ein Drittel der Kinder in Tuam starb im ersten Lebensjahr, im Durchschnitt starb alle zwei Wochen ein Kind – eine Statistik, die selbst für damalige Zeiten außergewöhnlich war. Doch das Heim in Tuam ist kein Einzelfall. Es gab rund ein Dutzend solcher Einrichtungen, darunter auch eine protestantische, das "Bethany Home", wo es den Müttern und Kindern nicht besser ging. Die letzten dieser Einrichtungen schlossen erst Anfang der Neunzigerjahre. In Bessborough in Cork lag die Säuglingssterblichkeit in den 1940er-Jahren bei 55 Prozent, in Sean Ross Abbey in der Grafschaft Tipperary, einem der berüchtigtsten Heime, bei 50 Prozent.

In diesem Heim war Philomena Lee untergebracht. Sie war mit 19 schwanger geworden. Da sie nicht volljährig war, durften ihre Eltern über sie bestimmen und steckten sie ins Heim. Ihr Sohn Anthony kam 1952 zur Welt. Als er drei Jahre alt war, tauchte ein US-amerikanisches Ehepaar auf, zahlte den Nonnen Geld für die Adoption und nahm ihn mit. "Ich hörte noch das Geräusch ihres Autos, dann war es still", sagt Philomena Lee. Sie schwieg 50 Jahre lang. "Ich hatte Schuldgefühle", sagt sie heute. "Ich hielt es geheim."

Aber sie suchte die ganze Zeit nach ihrem Sohn. Die Nonnen erklärten ihr, sie hätten keine Ahnung, wo er sei. Das war gelogen, denn auch Anthony, der inzwischen Michael A. Hess hieß und als Anwalt für die Republikanische Partei in New York arbeitete, kam dreimal nach Sean Ross Abbey auf der Suche nach seiner Mutter. Er erhielt dieselbe Auskunft von den Nonnen. Als Lee endlich seinen Adoptivnamen herausgefunden hatte, war es zu spät: Anthony/Michael war mit 43 Jahren an Aids gestorben.