Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien drohen in der Wirtschaftsmetropole São Paulo chaotische Zustände. Die Gewerkschaft der U-Bahn-Angestellten stimmte für die Fortsetzung ihres seit Tagen anhaltenden Streiks. Damit setzten sich die Beschäftigten über ein Gericht hinweg, das wenige Stunden zuvor den Arbeitskampf für illegal erklärt hatte.     

Im Zuge des Streiks kam es auch zu Zusammenstößen zwischen U-Bahn-Angestellten und der Polizei. An einem wichtigen Umsteigebahnhof ging die Bereitschaftspolizei mit Tränengas und Blendgranaten gegen rund 150 Streikende und Demonstranten vor, die den Verkehr auf einer Hauptverkehrsstraße mit in Brand gesetzten Mülltonnen blockierten. Die auseinander getriebenen Protestteilnehmer schlossen sich später mit anderen Demonstranten zusammen. Schließlich liefen rund tausend Menschen mit roten Bannern und Trommeln zu einer Niederlassung der Verkehrsbehörde. Sie riefen "Es wird keine WM geben" und "Streikende wir unterstützen Euch!"

Das für die Region zuständige Arbeitsgericht drohte der Gewerkschaft mit einer Strafzahlung von 500.000 Réais (rund 150.000 Euro) täglich, sollte der Streik nicht beendet werden. Dennoch stimmten die Gewerkschafter für einen Fortgang ihres Ausstandes. Zuvor hatte Gewerkschaftschef Altino Melo dos Prazeres dafür geworben, dass die Arbeiter die Gelegenheit der WM und später anstehender Wahlen nutzen sollten, um Druck auszuüben.

Die Beschäftigten streiken seit vergangener Woche. Ziel der Streikenden sind deutliche Lohnerhöhungen. Die Gewerkschaft fordert zwölf Prozent mehr Lohn, die staatliche U-Bahn-Gesellschaft hat 8,7 Prozent angeboten. Da in São Paulo täglich 4,5 Millionen Menschen auf die U-Bahn angewiesen sind, droht damit ein anhaltendes Verkehrschaos, bereits in den vergangenen Tagen führten die Streiks zu Rekordstaus. Mehr als 30 Stationen mussten am Wochenende geschlossen werden, nur die Hälfte der U-Bahnhöfe der Stadt war somit in Betrieb.

Probleme bei Vorbereitung der "großartigen Party"

Betroffen sind auch die Linien zum Corinthians-Stadion, wo am Donnerstag das WM-Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Brasilien und Kroatien ausgetragen werden soll. Für viele Fans dürfte es schwierig bis unmöglich werden, zum Stadion zu kommen, das etwa 20 Kilometer östlich des Stadtzentrums liegt. Zu der feierlichen Eröffnung werden 60.000 Zuschauer erwartet – sowie Präsidentin Dilma Rousseff und etwa ein Dutzend weitere Staats- und Regierungschefs. 

Auch das Corinthians-Stadion selbst ist noch nicht fertiggestellt. Am Wochenende liefen die Arbeiten noch auf Hochtouren, um die Arena mit ihren 61.600 Plätzen vorzubereiten. Auch auf anderen Baustellen gab es bis zuletzt Probleme. Zugleich flogen bereits 18 der 32 Mannschaften für das Turnier ein. So wurde etwa die deutsche Nationalmannschaft an ihrem Stützpunkt im Nordosten Brasiliens von hunderten Menschen begrüßt.

Angesichts des Streiks in São Paulo und der Proteste gegen soziale Missstände in den vergangenen Monaten rief Rousseff ihre Landsleute zur Ruhe während der WM auf. Sie wünsche sich, dass die Menschen den Gästen aus aller Welt "die Fröhlichkeit, Stärke und Höflichkeit Brasiliens" zeigten, sagte sie.

"Ich bin sicher, dass die Weltmeisterschaft ein Fest wird", sagte Rousseff beim Besuch eines sozialen Projekts im südöstlichen Bundesstaat Minas Gerais. Es sei "wesentlich, dass die Menschen, die Mehrheit von ihnen Brasilianer, auch das Recht haben, diese großartige Party zu genießen".