Manche Passanten blicken verstört weg und andere extra hin. Es gibt sogar welche, die klatschen. Lhuanda Perón ist gerade die auffälligste Erscheinung an diesem Stück der Promenade, mit ihrer kastanienbraunen Mähne, den völlig übertrieben geschminkten Augen und Lippen und den abenteuerlich hochhackigen Schuhen. Sie wackelt auch ziemlich aufreizend mit dem Hintern und entrollt am Rand des Copacabana-Strandes ein buntes Plakat: "Gott ist mein Hirte – und er weiß, dass ich schwul bin!"

Lhuanda Perón ist ein Transvestit, aber nur zeitweise, wie zum Beispiel bei dieser Schwulen- und Lesbenparade an der Copacabana. Am späteren Nachmittag dann empfängt Perón in seinem anderen Leben, in einer kleinen evangelikalen Kirche im ärmlichen Norden von Rio de Janeiro: ein niedriger grauer Bau mit Blick auf die Eisenbahnbrücke, schweren Gittern vor dem Eingang und einem Wellblechvordach zum Schutz vor Regen. Perón hat sich umgezogen, trägt jetzt einen krausen Kurzhaarschnitt, ein T-Shirt und eine Art Anzugshose. Marcos Lord heißt diese männliche Version, und Marcus Lord ist hier der Pastor. Er bittet in den Gebetsraum mit den gut 50 Stühlen, dem groben Holzkreuz und dem Schlagzeug an der Rückwand. Der Altar ist ein einfacher Tisch mit einem sakral bedruckten Tuch drauf und zwei Kerzen in Limonadengläsern. "Willkommen im Haus des Herrn", sagt Marcos. Dankeschön, Pastor. Können Sie das Ganze vielleicht mal erklären?

Marcos Lord ist auf dem Land in der Nähe von Rio aufgewachsen, und er war immer schon sehr gläubig. Seine ganze Familie ist fromm, und der Bruder steht sogar einer Niederlassung der ultra-konservativen Freikirche Assembleia de Deus vor. Diese Kirchen – die seit vielen Jahren gewaltigen Zulauf in Brasilien erleben – halten Homosexualität für den direkten Weg in die Hölle, und für Marcos Lord wurde das zunehmend zum Problem. "Ich wusste, dass ich homosexuell war", sagt er, "und ich zermarterte mich, denn ich hatte gelernt, dass Gott die Homosexuellen hasst". Als er sich mit 26 Jahren zu seiner Sexualität bekannte, flog er zu Hause raus, und auch der Priester seiner Kirche machte kurzen Prozess. "Er hat mich nicht einmal etwas gefragt", erzählt Peron, "er hat einfach gesagt, dass ich nicht wiederzukommen brauche". Da ist er nach Rio gezogen, in die Stadt, "und ich habe meine Sexualität gelebt".

Pastor Marcos hat sich auf ein Stühlchen neben den Altar gesetzt. Er spielt, während er spricht, nervös an dem Holzkreuz herum, das um seinen Hals hängt, und die Bibel mit dem abwaschbaren braunen Plastikumschlag schiebt er auf dem Altar hin und her. "Es ist die Mensagem-Ausgabe der Bibel", sagt er, "sie ist erst 2013 erschienen, und ich mag sie gern. Eine vereinfachte und sehr verständliche Version. Und sehr direkt."

Man braucht keine lange Ausbildung, um Pastor in einer Freikirche zu werden; jede Gemeinschaft hat ihre eigenen Regeln, aber tiefe theologische Kenntnisse sind keine Bedingung. Marcos Lord wurde dringend gebraucht: Die Metropolitan Community Church in seiner Gegend, ein Import aus den USA, ist eine große Ausnahme unter den Freikirchen: Sie verdammt Schwule, Lesben und Transsexuelle nämlich nicht, sondern sie richtet sich gezielt an sie. 2008 wurde Lord hier Mitglied ("Ich war sehr skeptisch, weil ich keine Kirche für Homosexuelle wollte, sondern einfach eine Kirche") und im Juli 2013 Pastor.

Tagsüber arbeitet er als Lehrer an einer Grundschule, zweimal pro Woche hält er Gottesdienste ab, er engagiert sich politisch für Schwulenrechte und ist rund um die Uhr als Seelsorger ansprechbar. Er sagt, dass er jetzt nicht mal Zeit für eine feste Beziehung habe, zu viel Arbeit, und mit den eigenen Schäfchen lasse er sich nicht ein. "Diese Gemeinschaft braucht sehr viel Seelsorge", sagt er auf seine sanfte Art. "Viele rufen nachts an und wollen reden. In Brasilien ist man als Homosexueller ein sehr einsamer Mensch."

"Brasilien ist ein äußerst homophobes Land", sagt Pastor Marcos, "und viel von dem Hass, der hier gesät wird, kommt ausgerechnet von Kirchen. Sie predigen einen Moralismus ohne Sinn und Verstand." In diesem Jahr, sagt er, seien nach Statistiken einer Schwulenorganisation 170 Menschen in Brasilien wegen ihrer Homosexualität umgebracht worden: von Mobs auf Straßen, bei Verbrechen im Strichermilieu, von den eigenen Vätern, die keinen schwulen Sohn haben wollen. In manchen Familien würden die Söhne geschlagen, wenn sie nicht Fußball spielen oder als Machos aufwachsen wollten. In den Kinos ist kürzlich Praia do Futuro angelaufen, ein Film über einen schwulen Rettungsschwimmer, und viele Männer verlassen unter Protest die Säle, sie können das nicht ertragen.

"Wir erleben in Brasilien gerade einen historischen Rückschritt", klagt Pastor Marcos, "der Fundamentalismus breitet sich aus". Er will dagegen halten: von der Kanzel, als Seelsorger und bei Demonstrationen als die fromme Dragqueen Lhuanda Perón. "Das Lustige ist ja, dass Sie als Transvestit überwiegend Zuspruch in den Straßen bekommen. Ganz anders als zum Beispiel ein Homo-Pärchen. Bei Dragqueens schauen die Leute gerne hin, die Frauen und auch viele Männer. Unter den Männern gibt das nur niemand so gerne zu."