Die frühere Bischöfin Margot Käßmann ist eine überzeugte Pazifistin. So jedenfalls lässt sich verstehen, was Sie diese Woche in einem Zeitungsbeitrag schrieb: Kein Mensch dürfe durch eine Waffe sterben. Und die deutschen Rüstungsexporte seien ein Skandal. Schon seit Jahren brandmarkt die einstige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und fordert deren Abzug, weil durch Waffen in Kriegsgebieten auch Zivilisten sterben.  

Nun wirft sie Bundespräsident Joachim Gauck vor, das Prinzip der Gewaltlosigkeit infrage zu stellen. Sie bekundet ihre Unterstützung für eine Initiative Ostberliner Pfarrer, die Unterschriften gegen den Bundespräsidenten sammeln, weil er die Ideale der Friedlichen Revolution von 1989 verrate. Anlass all dessen ist das Plädoyer des Theologen Gauck, Waffeneinsätze müssten zum Schutz von Frieden und Menschenwürde zulässig sein.

Käßmann führt mit ihrer Kritik einen uralten Konflikt fort. Im Kern geht es darum, wie die biblische Bergpredigt auszulegen ist – jenes neutestamentliche Buch, in dem es heißt: Selig sind die Sanftmütigen, die Frieden stiften. Geht es hier um den Auftrag, Frieden zu stiften oder darum, Waffen vollends abzulehnen?

Im Grunde sind sich die Kirchen darüber einig, auch mit Gauck: Waffengewalt ist als Mittel zum Schutz des Friedens legitim. Die Protestanten erklärten es 2007 für zulässig, "den Schutz von Recht und Leben durch den Gebrauch von Gegengewalt zu gewährleisten". Als das Morden in Bosnien nicht aufhörte, gestand der Papst ein, dass ein Verteidigungskrieg als letztes Mittel möglich sein müsse. Eigentlich alles längst geklärt?

Die Konflikte sind heute andere

Nicht für Käßmann. In ihrer Kritik vermengt sie jedoch in unzulässiger Weise mehrere Dinge: Sie meint, die Maximen der Friedensbewegung auf die Konflikte der Jetztzeit übertragen zu können. Doch die achtziger Jahre waren durch Blockkonfrontation, Rüstungsbeschlüsse und Kriegsangst geprägt. Der Zweite Weltkrieg lag nur anderthalb Generationen zurück. Im Westen demonstrierten Zehntausende gegen Nato-Raketen, im Osten verhinderten Demonstranten mit dem Ruf "Keine Gewalt", dass die Staatsmacht die Panzer in Gang setzte. Die Lage blieb friedlich. Aus dieser Zeit stammt auch die von Käßmann zitierte Stellungnahme der Dresdner Ökumenischen Versammlung von 1988, kein Mensch solle je wieder in einem Krieg andere erschießen.     

Die Konflikte heute sind andere: In Syrien führt Assad Krieg gegen das eigene Volk, islamistische Milizen unterjochen weite Teile des Irak, Syriens, sie morden Hunderte in Nigeria. Wie dieses Leid zu beenden ist, dafür hat Käßmann keinen Vorschlag. Stattdessen ignoriert sie, dass jedem Militäreinsatz demokratischer Staaten lange Verhandlungen, Mahnungen und Sanktionen vorausgehen. 

Der Papst, die Evangelische Kirche und Gauck haben auf diese veränderten Konfliktlagen reagiert. Käßmann dagegen schlägt sich auf die Seite jener, die Auslandseinsätze der Bundeswehr ablehnen, ohne eigene, pragmatische Lösungen zu skizzieren – für ein Ende von Gewalt, Leid und Menschenrechtsverletzungen.

Dabei waren Einsätze der Bundeswehr in Afghanistan und anderswo – mit Ausnahme des Streitfalls Kosovo – stets von den UN legitimiert, zudem kontrolliert der Bundestag Mannstärken und Materialeinsatz penibel. Kaum ein Land beaufsichtigt und steuert sein Militär so sorgfältig wie Deutschland. Angesichts der historischen Erfahrungen, die Käßmann auch anführt, ist das berechtigt und notwendig. Aber es gibt keinen Grund, an Gaucks Friedfertigkeit zu zweifeln. Diese Bundeswehr soll auch künftig Frieden sichern, wo immer es nötig ist. Soviel Vertrauen in die Demokratie muss sein.