Am Sonntag wollte ich eigentlich putzen. Aufräumen, Staub wischen und sauber machen, so wie ich es von meiner Mutter gelernt habe. Am Vortag des Ramadan-Festes wird Reine gemacht. Allerdings habe ich mich dann aber mit etwas ganz anderem als mit dem Haushalt beschäftigt: Ich saß viele Stunden vor dem Computer, verfolgte Nachrichten und Reaktionen in den Sozialen Netzwerken und kommentierte. Weil mich empört hat, was Nicolaus Fest über uns Muslime in der Bild am Sonntag schrieb.

Ungefragt ließ er die Leser wissen, was er von der Religion halte, der sich in diesem Land mehr als drei Millionen Menschen zugehörig fühlen: Der Islam sei frauen- und homosexuellenfeindlich, gewalttätig und integrationshemmend.

Es folgte im Netz eine Welle der Empörung, vor allem von jungen Muslimen, die es anders als ihre eingewanderten Eltern oder Großeltern nicht schweigend hinnehmen, wenn sie oder ihre Religion beschimpft werden. In sozialen Netzwerken organisieren sie sich, weil sie in Mainstream-Medien noch zu wenig Raum für Ihre Sicht der Dinge bekommen. Muslime melden sich zu Wort – und das ist der beste Beweis für unsere Integration.

Dass sich just am Vorabend des Ramadan-Festes ein Mann aus der Bild-Chefredaktion erlaubt, über Muslime in Deutschland herzuziehen und eine Grundsatzdebatte über die Integrationsfähigkeit von Menschen muslimischen Glaubens anzuzetteln, das hätte früher höchstens die Funktionäre der islamischen Verbände veranlasst, eine mahnende Pressemitteilung zu verschicken – und das erst mit ein paar Tagen Verzögerung.

Heute ist das anders! Die Hetze bekommen viel mehr Muslime mit, sie kommt gar nicht gut an und wird nicht schweigend hingenommen. Die Proteste im Netz sind das beste Beispiel dafür, wie sehr Muslime Teil dieser Gesellschaft sind. So viel steht nämlich auch fest: Meine türkischstämmige Nachbarin, eine fromme Frau, die regelmäßig in die Moschee geht, bei jeder Gelegenheit den Koran liest, aber nicht deutschsprachige Medien verfolgt, gehört zu der Gruppe von Muslimen, die zur Minderheit wird in diesem Land.

Mit ihr hielt ich in einer Computerpause am Sonntagnachmittag einen kleinen Plausch am Gartenzaun: Sie ist wie ich 48, aber nicht als Kind, sondern als Erwachsene nach Deutschland gekommen. Sie sprach davon, wie erschöpft sie sei von der Hausarbeit am Vorabend des Ramadan-Festes. Und dass bei ihr – anders als sonst am Vorabend des Festes – keine Freude aufkomme; sie sei sehr traurig wegen der vielen Menschen in Gaza, die den höchsten Feiertag im Krieg verbringen müssten.

Von meinem Gemütszustand habe ich ihr nichts erzählt. Dass ich den ganzen Tag über Diskussionen im Internet führte, weil ich empört war über den via Bild am Sonntag verbreiteten Rassismus – das hätte meine Nachbarin nicht verstanden. Ablehnung zu erleben, gehört zu ihrem Alltag, das erlebt sie als Kopftuchträgerin immer wieder – befeuert durch Ansichten, wie sie Kommentare wie die von Fest verbreiten.

Heute ist einer der höchsten islamischen Feiertage. Zu diesem Anlass wäre in der BamS eine Grußbotschaft angebracht gewesen und keine rassistischen Äußerungen. Ich richte von hier aus das Wort an sie: Gesegnetes Fest! Eid Mubarak! Bayramınız kutlu olsun!