ZEIT ONLINE: Frau Hirschmann, Frau Bayerl, Sie haben untersucht, wie die Polizei soziale Medien für ihre Arbeit und Imagepflege benutzt. Die Polizei ist eine Behörde, warum soll sie überhaupt für sich werben?

Petra Saskia Bayerl: Weil sie angewiesen ist auf die Mitarbeit der Bevölkerung. Wenn diese kein Vertrauen hat in die Polizei, dann kooperiert sie auch nicht. Die Polizei kann diese Beziehung über soziale Medien pflegen, indem sie auch ihre menschliche Seite zeigt. Manche Leute mögen es, wenn sie Bilder von Polizeihundewelpen in ihrer Timeline haben.

ZEIT ONLINE:
Nutzt die Polizei Facebook und Twitter auch für ernsthaftere Dinge?

Nathalie Hirschmann:
Es ist für sie natürlich eine Quelle für Ermittlungen, aber vor allem verbreitet sie eigene Informationen. Die Polizei gewinnt so ein Stück Kontrolle zurück, wenn es um umstrittene Einsätze geht. Wenn sie sich auf Twitter nicht zu Wort meldet, überlässt sie das Feld ja den Kritikern.

Bayerl:
Angenommen es gibt eine Krise, einen Amoklauf oder eine Bombendrohung, da wollen die Leute sofort wissen, was passiert ist. Die traditionellen Kanäle wie Radio oder Fernsehen funktionieren einfach nicht mehr so gut, vor allem, wenn die Polizei Jüngere erreichen will. Dafür muss sie sich aber vorher ein Netzwerk aufbauen und zeigen: Wir kennen uns aus, wir bewegen uns in den gleichen Kreisen und reden über die gleichen Themen. Wenn die Polizei da nicht mitmacht, dann bekommt sie diesen Kontakt nicht, der wichtig sein kann, wenn sie Informationen oder Tipps zu Kriminalfällen braucht.

ZEIT ONLINE: Sie meinen eine Art Crowdsourcing von Ermittlungen?

Bayerl: Das wird schon gemacht. In Großbritannien etwa hat die Polizei während der Unruhen 2011 Fotos von Plünderern online gestellt und über Twitter zur Mithilfe aufgerufen: Wenn ihr Informationen habt, kontaktiert uns.

ZEIT ONLINE: Das klingt nach einem öffentlichen Pranger.

Hirschmann: Das ist eine Gefahr, ja. Es kann auch auf ganz andere Art schieflaufen. In den USA hat die Polizei ein Bild von einem mutmaßlichen Räuber gepostet, der sehr attraktiv war, und die ersten Reaktionen waren: Also von dem würd ich mich auch überfallen lassen. Und er soll wohl  tatsächlich später einen Modelvertrag angeboten bekommen haben.

ZEIT ONLINE: Benutzt auch die deutsche Polizei soziale Medien zur Fahndung?

Hirschmann: Ja, das tut sie schon, und das ist immer dann ein Problem, wenn sich der Verdächtige irgendwann als unschuldig herausstellt. Anders als auf Fahndungsplakaten kann sich so ein Bild in sozialen Netzwerken immer weiter verbreiten, und es bleibt auch online, wenn die Fahndung längst vorbei ist.

ZEIT ONLINE:
Die Berliner Polizei twittert seit kurzem sehr viel, spricht zum Beispiel Demoteilnehmer direkt an. Begonnen hatten sie mit einer Aktion, während der sie 24 Stunden lang alle ihre Einsätze per Tweet vermeldeten. Ist das sinnvoll?

Bayerl: Die Polizei in Manchester hat es vorgemacht. Ihr sollten die Mittel gekürzt werden, und sie wollte deshalb zeigen, welche Arbeit sie eigentlich leistet Dabei haben sie festgestellt, dass Leute das interessant fanden.

Hirschmann: Wichtig ist aber, dass es authentisch bleibt. Das Video von der Polizei Nordrhein-Westfalen, die mit einem Rap Nachwuchs rekrutieren wollten, fanden viele peinlich. Es waren auch keine Polizisten, die da gerappt haben, sondern Schauspieler. Erstaunlicherweise haben sie trotzdem erreicht, was sie wollten: Es gab sehr viele Bewerbungen.