Ein israelischer Soldat nahe der Grenze zum Gazastreifen © Andrew Burton/Getty Images

Stas hat unruhige Nächte erlebt als Patrouillensoldat am Kibbuz Kissufim, direkt an der Grenze zum südlichen Gazastreifen. Immer wieder verfärbten israelische Luftangriffe den Himmel gelb-rötlich, explodierten Mörsergranaten der Hamas in nächster Nähe, zerfetzten Scheinwerfer das Dunkel. Hat er sich in diesen drei Wochen Kriegseinsatz nicht an die Orte seiner Kindheit zurückgewünscht, nach Chemnitz oder nach Berlin, weit weg von israelischen Bomben und palästinensischen Raketen? "Nicht eine Sekunde", sagt Stas, 27, dessen Nachname aus Sicherheitsgründen hier nicht genannt wird. "Ich mag Deutschland, ich habe dort ein gutes Leben gehabt. Aber Israel ist meine Heimat. Und dafür kämpfe ich."

Der braungebrannte Mann mit dem breiten Lächeln ist nicht der einzige Deutsche, der in der IDF, der israelischen Armee dient. Wie viele es genau sind, darüber führe man keine Listen, sagt Arye Shalicar, Sprecher der IDF für Europa. Pro Jahr wandern aber nach Angaben der Jewish Agency for Israel rund 110 jüdische Deutsche nach Israel aus, mehr als die Hälfte von ihnen ist keine 30 Jahre alt. Und wer sich in Israel im wehrfähigen Alter einbürgern lässt und nicht ausgemustert wird, der muss zum Militär – Männer und Frauen, für bis zu 30 Monate.

So wie Stas, geboren in der Ukraine. Als er neun Jahre alt war, zog seine Familie nach Sachsen. "Davor hatte ich mit meinem Glauben nie etwas zu tun", erzählt er. "In Chemnitz gab es nicht gerade viele Juden, aber eine Gemeinde und Religionsunterricht." Dort lernte er die Speiseregeln, welche Gebete man am Schabbat spricht – und immer wieder ging es auch um Israel. Um den letzten Tempel, die Klagemauer, um das heutige Israel, den einzigen jüdischen Staat der Welt. Für Stas verschmolz das zu einem einzigen Sehnsuchtsort. "Ich war nie dort gewesen, aber ich habe so ein starkes Heimweh verspürt. Es brannte richtig in mir, ich schwor mir: Ich muss diesen Ort sehen."

Stas wurde religiöser, wollte koscher essen. In Deutschland sei das aber sehr schwierig gewesen. Und während er heute in Israel quasi immer seine Kippa trägt, die jüdische Kopfbedeckung, hat er sich das in Chemnitz nicht getraut. "Ein Freund von mir hat sie getragen, ist zuerst von Russlanddeutschen verprügelt worden, dann von Neonazis, und dann hat er's gelassen." Dennoch sagt Stas: "Mit Antisemitismus hatte ich selbst kaum Probleme. Ich hatte immer viele Freunde, Deutsche und Ausländer. Den meisten war egal, dass ich jüdisch bin."

Auch Rona, 22 sagt, Antisemitismus habe bei ihrer Auswanderung keine Rolle gespielt. Sie ist in Pforzheim geboren, spricht mit warmem badischen Akzent –  und ist mittlerweile Offizierin bei der israelischen Luftwaffe. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Israeli, sie lernt früh Hebräisch und ist in jeden Sommerferien in Israel. Als kleines Kind habe sie die Soldaten bewundert, sagt sie. "Sie haben so viel Kraft und Sicherheit ausgestrahlt, und das in einem Land, dass mit so vielen Bedrohungen zu kämpfen hat."

Vom Abitur zur israelischen Luftwaffe

Schon mit 14 habe sie sich entschlossen, selbst zur IDF zu gehen. Als das Abitur bevorsteht, organisiert Rona nebenbei ihre Aliyah, die Auswanderung nach Israel. "Meine deutschen Freunde hielten mich für verrückt, wahrscheinlich tun sie das immer noch." Aber ist das nicht tatsächlich verrückt? Sich auf die Armee vorzubereiten, während die Freundinnen Studienplätze suchen, das FSJ im Kindergarten planen oder die Rundreise durch Australien buchen? Aus dem reichen, friedlichen Deutschland mit 20 Jahren in den ständigen Krisenherd zu ziehen? Rona holt kurz Luft. "Es ist schwierig zu erklären. Ich hatte schon immer die deutsche und die israelische Staatsbürgerschaft. In Deutschland habe ich mich sehr wohl gefühlt, aber als Israeli ist es meine Pflicht, mein Land zu verteidigen." Sie hält kurz inne, dann lacht sie. "Und ständig in Todesgefahr, wie meine Freundinnen sich das vorstellen, bin ich hier auch nicht."

In Gefahr sieht er sich eher in Deutschland, sagt Benny*, 20. Er ist in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. "Eigentlich habe ich mich immer akzeptiert gefühlt: Ich hatte einige Freunde, war im Schwimmverein. Ich bin zwar regelmäßig in die jüdische Gemeinde gegangen, aber meine Familie ist nicht wirklich religiös." In der Gemeinde hört er manchmal, dass es als Jude in Deutschland gefährlich sein kann, doch er tut das als unbegründete Angst ab. Doch mit zwölf hört er die ersten Judenwitze. Mit 16 beginnt Benny zu kiffen. "Ich hatte in der Zeit mit vielen Türken und Arabern zu tun, und das war wirklich heftig. ‚Jude‘ ist für die ein übles Schimpfwort." Meist erwähnt er nun nicht mehr, dass er jüdisch ist. Er kifft immer mehr, lässt die Schule schleifen. "Ich war sehr unglücklich zu dieser Zeit, hatte kaum Selbstvertrauen."

Der Punkt, an dem er sich entschließt Deutschland zu verlassen, ist, als er eine abgeschlagene Glasflasche am Hals hat. Eine Gruppe Jungen hatte ihn an einem S-Bahnhof erst beschimpft und dann angegriffen: "Hitler hat vergessen, dich und deine Familie nach Auschwitz zu schicken", riefen sie. "Ich habe mich so gedemütigt gefühlt. Ich habe mir geschworen: So schwach wirst du nie wieder sein", sagt Benny.

Seinen Halt sucht er nun in der jüdischen Identität. Er fährt nach Belgien und lässt sich nachträglich beschneiden. Mit 18 Jahren bricht er die Schule ab – "durch das Kiffen waren meine Noten eh so schlecht, dass ich keine Chance mehr aufs Abi hatte", sagt er. Dann geht er für einige Wochen nach Berlin in eine Jeschiwa, eine jüdische Gebetsschule, um die Thora zu studieren und Hebräisch zu lernen. "Und da wusste ich schon – ich will nach Israel und in die Armee. Ich brauchte endlich wieder Ordnung und klare Strukturen im Leben."

* Name von der Redaktion geändert