Als Stas mit einer religiösen Gruppe mit 17 zum ersten Mal nach Israel reist, ist es wie in seiner Vorstellung:. "Als ich in Jerusalem war, das war ein fantastisches Gefühl. Die Altstadt, diese Orte voller Geschichte. Da wusste ich – ich muss hier leben, am besten sofort." Er beendet in Israel die Schule, wird eingebürgert – und geht dann zur Armee, wird als Grenzsoldat an den Golanhöhen postiert. Mittlerweile arbeitet er bei einer internationalen Organisation für jüdische Jugendarbeit und ist verheiratet. Er hat drei Kinder, das jüngste ist gerade mal drei Monate alt. Doch der Reservedienst gilt auch für ihn, israelische Männer müssen bis zum 43. Lebensjahr bereitstehen. 

Vor fünf Wochen erreicht ihn ein Anruf: Er wird eingezogen, soll einen Kibbuz an der Grenze zu Gaza schützen, während Soldaten in das Gebiet der Hamas einmarschieren. Dort angekommen stellt er fest, wie schwierig die Aufgabe ist. "Golan ist eine etablierte Grenze, du hast feste Positionen. Aber hier war immer die Frage: Hat die Hamas noch Tunnel, von denen wir nichts wissen?" Tatsächlich werden im Umkreis des Kibbuzes Tunnel gefunden, Stas sichert die Sprengteams ab, ohne eigene Deckung. Und dennoch, so betont er immer wieder, sei er glücklich, dabei gewesen zu sein. "Es ist eine unglaubliche Ehre, meinen Staat verteidigen zu dürfen."

Viele in Deutschland sehen das anders. Zehntausende gehen gegen die israelische Offensive auf die Straßen. Die Reaktion Israels auf den Raketenbeschuss durch die Hamas, die massiven Luft- und Bodenangriffe der IDF, seien völlig unverhältnismäßig, kritisieren sie. Auch die Vereinten Nationen (UN) finden scharfe Worte. Nach ihren Angaben sterben rund 1.900 Palästinenser bei dem Krieg, 67 Israelis kommen ums Leben. "Was soll Israel denn machen?", sagt Stas. "Die Hamas sucht bewusst die Nähe zu Zivilisten, um Raketen abzuschießen. Wir hätten viel weniger Soldaten verlieren können, wenn wir nicht versucht hätten, so viele palästinensische Zivilisten wie möglich zu verschonen." Doch bei den Luftangriffen der IDF gab es nach Zahlen der UN auch Hunderte zivile Opfer, viele Kinder sind gestorben. Wie nah geht ihm das als dreifacher Vater? Stas hält kurz inne. "Natürlich geht mir das nahe. Das ist grausam. Aber dieser Krieg wurde uns von der Hamas aufgezwungen."

Das sieht auch Benny so. Er war vor wenigen Wochen auf Familienbesuch in NRW. Dort gab es besonders viele israelkritische Demonstrationen – begleitet von antisemitischen Ausbrüchen. "Ich bin zu 100 Prozent sicher, der radikale Islam steht schon vor den Toren Europas. Und da bin ich in Israel sicherer als hier." Mittlerweile, nach zwei Jahren in der IDF, sei er in der Lage sich zu wehren, sagt Benny.

Inzwischen arbeitet er bei der Armee als Trainer für Krav Maga, die israelische Nahkampftechnik. "Aber eigentlich habe ich zu wenig zu tun. Ich arbeite nur drei bis vier Stunden am Tag." Den Rest der Zeit betet er und lernt Hebräisch, doch es füllt ihn nicht aus. Als er im Heimaturlaub in Deutschland die Bilder vom Gazakrieg im Fernsehen sieht, will er unbedingt mitkämpfen. Er bietet seine vorzeitige Rückkehr an, sein Kommandant lehnt ab – sehr zur Erleichterung von Bennys Familie. "Natürlich machen sie sich Sorgen", sagt der 20-Jährige. Bekannte von ihm seien in Gaza getötet worden. "Aber meine Eltern merken auch, dass mir die Zeit als Soldat gut tut. Ich bin viel ruhiger und geduldiger, ich arbeite mehr an mir selbst."

"Viele Israelis sagen: Bist du bekloppt?"

Auch Rona hat das knochenharte Grundtraining der IDF absolviert, und sich danach zur Offizierin ausbilden lassen. Die Absolventenfeier der Luftwaffe, zu der auch ihre Eltern aus Deutschland anreisen, sei einer der glücklichsten Tage ihres Lebens gewesen, sagt sie. Nun unterrichtet sie selbst Rekruten. "Dass die neuen Soldaten durch den jüngsten Krieg ängstlicher geworden sind, kann ich nicht feststellen. Im Gegenteil, sie wissen nun wieder genau, warum ihr Dienst in der Armee so wichtig ist."

Doch viele junge Israelis reagieren auch mit Unverständnis, wenn sie seine Geschichte hören, sagt Benny. "Sie sagen: Bist du bekloppt? Der Armeedienst kostet mich drei Jahre meines Lebens, ich habe da null Bock drauf, und du machst das freiwillig? Aber dann sage ich ihnen: Wir Juden sind nur stark, wenn wir zusammenhalten – also will ich euch helfen." 

Benny hat nach der Grundausbildung an einem Checkpoint am Westjordanland gedient. "Bei mir war zum Glück alles ruhig, aber Freunde von mir mussten einmal einen bewaffneten Palästinenser erschießen." Das sei seine allergrößte Sorge, sagt Benny leise – dass er einmal jemanden töten müsse. Aber ist dann die Armee nicht der grundlegend falsche Ort? Die ultima ratio eines Soldaten ist das Töten anderer Menschen. "Ich möchte keinen Krieg, niemand in Israel will diesen Krieg", sagt Benny. "Aber ich will als Jude frei in dieser Welt leben können. Dafür muss ich mein Volk und mein Land beschützen – und im Zweifel heißt das, im Krieg zu kämpfen." Mittlerweile habe er sich daran gewöhnt, sein Armee-Maschinengewehr immer mit sich zu führen. "Das merkst du irgendwann nicht mehr, ist dann wie ein Handy."