Vor der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle fiebern blondbezopfte Mädchen und Jungs mit sauberem Haarschnitt dem Retter entgegen. "Jesus ist der beste Freund und die Lösung für alles", sagt das Mädchen ins Mikrofon des NDR. "Wenn man das Herz von Gott kennenlernt und realisiert, dass er so gute Absichten für jeden Einzelnen hat, dann kann man fast nicht anders, als das weiterzugeben", sagt der Junge. Die beiden gehören zu jener begehrten Spezies, die auf Kirchenbänken selten zu sehen ist, aber in Predigttexten umso häufiger auftaucht: "junge Menschen". Sie sind zur Holy Spirit Night gekommen, organisiert wird die Niederkunft des Heiligen Geistes vom evangelikalen Prediger Peter Wenz (siehe Christ & Welt Ausgabe 49/2012). Später in der Halle werden die Jugendlichen "Amen!" schreien, wenn der Mann im Scheinwerferlicht es ihnen befiehlt. "Ab heute Abend bin ich Christ und folge dir nach für den Rest meines Lebens", rappt ein Sänger."Amen!", keucht das Publikum. Die Grenzen zwischen Rapper, Retter und Rattenfänger sind so wabernd wie der Kunstnebel über der Bühne.

Zu sehen waren Szenen wie diese in der NDR-Dokumentation Mission unter falscher Flagge. Der Film über "radikale Christen in Deutschland" lief am 4. August im Ersten. Danach umtoste den Sender ein Shitstorm im Namen des Herrn. Tausende Mails, Briefe und Anrufe mit "bisweilen gleichlautenden Vorwürfen" seien bei den Zuschauerredaktionen und in der Intendanz eingegangen, teilte die Redaktion mit. Die im Film Kritisierten veröffentlichten Pressemitteilungen. Falsch, falsch, falsch seien die Behauptungen der Journalisten, zeterten einige. Engagierte Christen würden lächerlich gemacht, Mission werde unter Generalverdacht gestellt, Bilder seien manipulativ geschnitten oder illegal aufgenommen, positive Stimmen würden unterdrückt, hieß es in den Zuschriften.

Dass Teile der evangelikalen Szene bei unliebsamer Berichterstattung in Windeseile digitale und analoge Medienschelte organisieren, weiß jeder, der in diesem Milieu recherchiert hat. Neu ist jedoch, dass eine Redaktion öffentlich darauf antwortet. Das zeigt, unter welchem Druck die öffentlich-rechtlichen Sender stehen. Es zeigt aber auch, zu welcher Rechercheleistung gebührenfinanziertes Fernsehen fähig ist: Die Redakteure Kuno Haberbusch und Julia Stein gehen gemeinsam mit den Autorinnen der Doku, Mareike Fuchs und Sinje Stadtlich, in einer ausführlichen Stellungnahme auf die Zuschauerreaktionen ein. Der Vorwurf, das Team habe unsauber gearbeitet, wird Punkt für Punkt widerlegt.

Einige Stars der evangelikalen Szene kamen in dem Film besonders schlecht weg: Peter Wenz vom Stuttgarter Gospel-Forum – ein Manipulateur der Massen; Gabriele Wentland, die Frontfrau von "Mission Freedom" – eine Lügnerin; Walter Heidenreich von der Freien Christlichen Jugendgemeinschaft – ein Despot. In der Selbstdarstellung dagegen ist Wenz ein Werber für die Wahrheit,
Wentland eine Kämpferin gegen Zwangsprostitution und Heidenreich ein Helfer in der Not.

Die Gruppen, die sie vertreten, gehören zur Evangelischen Allianz in Deutschland (EAD); das EAD-Gütesiegel soll eigentlich Unbedenklichkeit nachweisen. Doch der Film zeigt Charismatiker, die mit dubiosen Methoden und diskriminierenden Thesen auf Seelenfang gehen. Sie errichten eine Gegenwelt zur komplizierten Wirklichkeit. In dieser Welt werden Frauen dem Manne gefügig gemacht und Schwule "geheilt", vorehelicher Sex ist ebenso verwerflich wie nachhaltige Verzweiflung. Nicht alle evangelikalen Anführer benutzen ihre geistliche Macht für fragwürdige Ziele, auch das sagten die Autorinnen; aber an den Rändern der Allianz gibt es problematische Strukturen.

Ausführlich zu Wort kamen in den 45 Minuten die Kritiker der charismatischen Gruppen. Aussteiger erzählten, wie aus dem Jesus-Reich ein Regime wurde. In Eheseminaren des Gospel-Forums etwa lernten Frauen, im Bett dem Gatten untertan zu sein. Zu "Mission Freedom" gab ein Vertreter des LKA Hamburg zu Protokoll, dass seine Behörde nicht mehr mit Gabriele Wentland zusammenarbeite. Einer der Gründe: Auf einer Werbe-DVD von "Mission Freedom" hatte eine junge Frau eine ebenso erschütternde wie erfundene Lebensgeschichte erzählt. Das NDR-Team recherchierte offenbar skrupulöser als der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger. Die Print-Granden verliehen Wentland im Februar dieses Jahres peinlich gutgläubig den Bürgerpreis für ihr Engagement.

Weder Peter Wenz noch Hartmut Steeb oder Michael Diener von der Evangelischen Allianz äußern sich in der Dokumentation zu den Vorwürfen. Allein Jürgen Werth, ehemaliger Vorsitzender der Allianz und bis Mitte dieses Jahres Direktor des Evangeliums-Rundfunks ERF, setzte sich den Fragen vor der Kamera aus. Antworten hatte er kaum. Er vertraute auf den Das-höre-ich-zum-ersten-Mal-Gestus, als sei kindliches Staunen in jeder Lebenslage ein Gottesgeschenk.

Akribisch hat das NDR-Team in seiner öffentlichen Stellungnahme alle Interview‧anfragen und -absagen dokumentiert. Gemeinhin lieben es die evangelikalen Stars, vor Tausenden zu sprechen. Ihre Veranstaltungen sind alles andere als geheim – und doch haben sie etwas Verschworenes. Journalisten sind unerwünscht, zumindest dann, wenn sie sich nicht vorab zum Mitjubeln verpflichten. Mit Distanz und Kritik tun sich nicht nur einige Gruppen schwer, sondern die gesamte Szene.

Andere charismatische Bewegungen, etwa der katholische Neokatechumenale Weg, schweigen eisern, wenn Medien sie angehen. Scientology veranlasst Post vom Anwalt, wenn Journalisten die Führungsmechanismen bloßlegen. Evangelikale dagegen mobilisieren bei Kritik missionarische Kräfte. In Massenbriefsendungen beklagen sie, die frohen Botschafter, den Negativismus der "Mainstream-Medien", besonders beliebt in der freifinanzierten Glaubensszene ist die Schelte des gebührenfinanzierten Rundfunks. Der Zeitpunkt für eine Attacke auf die Glaubwürdigkeit von ARD und ZDF scheint günstig angesichts manipulierter Ranking-Shows.

Doch manch einem evangelikalen Christen schwant nach der souveränen Reaktion des NDR, dass ein Dasein als Medienopfer auf Dauer die Bewegung nicht voranbringt. Der Theologe Heinzpeter Hempelmann, unter anderem Mitglied im Arbeitskreis für evangelikale Theologie, wünscht sich von der Evangelischen Allianz Selbstkritik statt reflexhafter Journalistenschelte. "Die Allianz ist
ein Sammelbecken. Da gibt es die Pietisten, da gibt es die Charismatiker, und es gibt auch diese problematische Szene, die in der Doku kritisiert wurde. Damit müsste sich die Allianz auseinandersetzen." Eigentlich gehe es um viel mehr als um einzelne Gruppen: Das Verhältnis von Toleranz und Wahrheit sei ungeklärt. An dem Film "Mission unter falscher Flagge" hat der Missionsexperte vor allem eines auszusetzen: "Das Schlimmste an der Doku war für mich die Sprachlosigkeit der Evangelischen Allianz."