Erst stand der Jeep eines Managers des Pharmakonzerns Sanofi-Aventis in Bayern in Flammen. Wenige Tage später waren zwei Sportwagen eines Vorstands von Novartis Ziel eines Anschlags. Beide Firmen forschen auch mit Tierversuchen an neuen Medikamenten und sind deshalb Ziel von militanten Tierrechtlern. In einem Bekennerschreiben zum Sanofi-Anschlag hieß es: "Ihr quält Tiere, wir quälen euch." Die Entscheidungsträger der Unternehmen sollen so unter Druck gesetzt werden, ihre Tierlabore zu schließen.

In den vergangenen zehn Jahren verübten militante Tierrechtler mehr als 2.100 Straftaten. Das haben Recherchen von ZEIT und ZEIT ONLINE ergeben. Noch im Jahr 2001 gab es nur 94 illegale Aktionen. Vor allem die zunehmende Militanz der Tierrechtler macht der Polizei Sorgen. Alle Menschen, die Tiere quälen oder töten sind in den Fokus der grünen Extremisten geraten: Zoo-Direktoren, Jäger, Metzger, Pelzhändler und Manager von Pharmakonzernen. Die Radikalen zünden Fleischlaster an, brennen Mastanlagen nieder, befreien Nerze aus Käfigen und bedrohen "Tierausbeuter" mit dem Tod.

Die Polizei kann jedoch nur wenige Ermittlungserfolge vorweisen. In den vergangenen zehn Jahren wurden gerade einmal drei Anschläge aus dem Milieu aufgeklärt und die extremistischen Täter verurteilt.

Darum klang das Angebot der Sicherheitsfirma sehr verlockend, das in diesen Wochen beim Pharma-Riesen Pfizer in Berlin einging. Ein ehemaliger BKA- und BND-Beamter meldete sich und bot an, mit seiner Sicherheitsfirma das "Gefährdungspotential" auszuloten, das von den Tierversuchs-Gegnern ausgehe.

Pfizer willigte ein und 2008 spionierte ein Privatermittler daraufhin verdeckt in der militanten Tierrechtsszene der Hauptstadt. Um Zugang zu den sehr abgeschotteten Kreisen zu bekommen, benutzte er auch die Identität einer Greenpeace-Campaignerin. Das behauptet ein ehemaliger Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Prevent AG.

Pfizer und der Betreiber des Sicherheitsunternehmens wollten sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Die Greenpeace-Angestellte bestätigt jedoch, einen Undercover-Ermittler damals gekannt zu haben. Auch der damalige Direktor für "Global Security" bei Pfizer gibt gegenüber ZEIT ONLINE zu, vor sechs Jahren ein Dossier mit einer Gefährdungsanalyse von den Prevent-Beratern bekommen zu haben. Welche Quellen darin eingeflossen sind, will er jedoch nicht gewusst haben.

Viele Unternehmen und Lobbygruppen sind unzufrieden mit den überschaubaren Ermittlungserfolgen der Polizei und fühlen sich vom Staat nicht ausreichend vor den Angriffen der Tierrechts-Aktivisten geschützt. "Der Föderalismus ist das Problem", sagt Walter Scheuerl. Der Hamburger Anwalt vertritt Zirkusse, Geflügelzüchter und die Pelzindustrie gegen Tierrechtler.

Meist gibt es in den Landeskriminalämtern nur je einen Staatsschutzmitarbeiter, der sich gut mit dem Themenfeld "Tierschutz/Tierrecht/Jagd" auskennt. Zudem ermittelt jedes LKA in seinem Bundesland unabhängig. Koordinierungstreffen der Polizei-Kollegen, eine gemeinsame Arbeitsgruppe oder gar eine Zentralstelle Öko-Extremismus beim BKA gibt es nicht – ganz im Gegensatz zur Tierrechtsszene, die bundesweit agiert. Im Gegensatz zu den USA oder Österreich bestehen in Deutschland rechtliche Einschränkungen, die es der Polizei erschweren, politische Umwelt-Straftaten mit härteren Maßnahmen zu verfolgen. 

Um sich zu schützen, rüsten die Unternehmen darum selbst auf: Sie installieren Bewegungsmelder und Überwachungskameras, bauen hohe Zäune, engagieren private Wachschützer und ehemalige Polizei-Ermittler, buchen Präventionsseminare, engagieren Top-Anwälte oder wehren sich mit Lobby-Kampagnen gegen die grüne Gefahr. Manchmal versuchen sie auch, die Aktivisten gleich ganz zu verbannen.