"Fallkonferenz" nennen es die Profis, wenn sie sich zusammensetzen, um gemeinsam zu beraten. "Meine Hexenküche", sagt Katrin Bauer* dazu. Der "Fall", das ist sie. Eine 31-jährige Frau mit kurzen blonden Haaren und einem Piercing in der Unterlippe. Seit ihrem zwölften Lebensjahr ist sie psychisch krank, sie leidet unter Paranoider Schizophrenie, Essstörung und posttraumatischer Belastungsstörung. Die Profis, das sind die Rechtsbetreuerin, der Psychiater, die Ergotherapeutin, die Gesprächstherapeutin und die beiden Wohnbetreuerinnen, die jede Woche in Bauers Dachgeschosswohnung in einem Berliner Altbau vorbeikommen, um sie im Alltag zu unterstützen. Sie ist froh darüber. Aber sie sagt auch: "Wenn es mir schlecht geht, kann es ganz schnell passieren, dass über meinen Kopf hinweg entschieden wird." Etwa, welche Medikamente sie einnehmen muss oder ob sie in die Psychiatrie eingewiesen wird.

Wie Kathrin Bauer werden in Deutschland 900.000 bis eine Millionen Menschen rechtlich betreut, schätzt Karl-Heinz Zander vom Betreuungsgerichtstag, einem Fachverband, in dem sich Juristen, Betreuer und Ärzte zusammengeschlossen haben. Es sind nicht nur psychisch Kranke, sondern auch alte Menschen oder Menschen mit Behinderungen, die einen Rechtsbetreuer bekommen. Der wird vom Amtsgericht eingesetzt, wenn jemand nicht in der Lage ist, bestimmte Angelegenheiten selbst zu regeln – etwa seine Finanzen, den Umgang mit Behörden oder die medizinische Behandlung. Der Betreuer soll die Wünsche und Vorstellungen des Betreuten möglichst beachten. Trotzdem kommt es oft zu Konflikten.

Wegen ihrer Krankheit musste Bauer ihr Musikstudium abbrechen. Später hat sie eine einjährige Ausbildung gemacht, um als Psychiatrieerfahrene andere psychisch kranke Menschen zu unterstützen und als Dozentin zu arbeiten. Wenn es ihr gut geht, hält sie Vorträge in verschiedenen Städten, um Psychologiestudenten oder Sozialarbeitern zu erklären, wie es ist, Stimmen zu hören oder wie Betroffene mit einer Essstörung umgehen können. Wenn es ihr schlecht geht, traut sie sich nicht aus der Wohnung, sie fühlt sich bedroht, manchmal kommt sie tagelang nicht aus dem Bett. Bauer hat viele Klinikaufenthalte hinter sich. "Oft hieß es: 'Wenn Sie nicht freiwillig gehen, weisen wir Sie ein.' Das war ein sanfter Zwang, aber es war trotzdem Zwang", sagt sie. Zwang, der vielleicht gut gemeint ist, den aber viele Betroffene ablehnen. "Man sollte nicht mit Druckmitteln arbeiten, sondern mit Einsicht", sagt Reinhard Wojke von der Berliner Organisation Psychiatrie-Erfahrener und Psychiatrie-Betroffener. Den Betreuern fehle aber oft die Zeit, um zu überzeugen, statt einfach zu entscheiden.

Elektro-Krampf-Therapie gegen den Willen

"Für viele Betroffene ist die Betreuung sehr ambivalent", sagt Petra Rossmanith von der Beschwerde- und Informationsstelle Psychiatrie in Berlin. Einerseits wollen sie Hilfe – andererseits erleben sie das als Bevormundung." An die Beschwerdestelle können sich Menschen mit psychischen Erkrankungen, aber auch Angehörige, Betreuer und Ärzte wenden, dreißig bis vierzig Beschwerden gehen dort jeden Monat ein.

Es geht um die Dosierung von Medikamenten oder um die Einweisung in die Klinik, um Betreuer, die selten erreichbar sind oder angeblich falsche Abrechnungen vorgelegt haben, um Klinikpersonal, das sich unhöflich verhalten habe. Eine Frau wurde im psychiatrischen Krankenhaus sechzig Mal gegen ihren Willen mit der Elektro-Krampf-Therapie behandelt, ihr Ehemann, der als Rechtsbetreuer eingesetzt war, hatte eingewilligt. Ein Mann will aus einer Einrichtung für betreutes Wohnen ausziehen, aber die rechtliche Betreuerin ist dagegen. Eine Mutter beschwert sich, dass die Polizei die Wohnungstür eingetreten hat, um ihren Sohn in die Klinik zu bringen – obwohl der Betreuer gewusst habe, dass bei ihr ein Schlüssel lag. Die Beraterinnen in der Beschwerdestelle versuchen dann zu vermitteln und die Betroffenen über ihre Rechte aufzuklären.

Die haben sich in den vergangenen Jahren zu ihren Gunsten geändert: Die Voraussetzungen für eine Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung sind ohnehin streng. Der Rechtsbetreuer trifft die Entscheidung nicht allein, zusätzlich muss ein Richter einwilligen. Das Bundesverfassungsgericht hat die Anforderungen vor zwei Jahren nochmal verschärft, und das Betreuungsrecht wurde Anfang 2013 geändert, um dem zu genügen – Zwangsmaßnahmen dürfen nur angewendet werden, wenn dem Betroffenen ansonsten ein erheblicher gesundheitlicher Schaden droht und wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt. Im Juli dieses Jahres sind weitere Änderungen in Kraft getreten, damit soll sichergestellt werden, dass die Betreuung nur dann eingerichtet wird, wenn es wirklich notwendig ist. Nun wird die Betreuungsbehörde immer eingeschaltet, wenn ein Betreuer bestellt wird. Sie soll darauf achten, auch andere Hilfen anzubieten – etwa eine Wohnbetreuung oder eine Schuldnerberatung.

Rechte einfordern ist für die Betroffenen oft schwer

Doch selbst wenn die Betroffenen im Recht sind, müssen sie das im Zweifel erst gerichtlich durchsetzen. Auf Antrag des Betreuten kann das Amtsgericht die Betreuung auch aufheben. Trotzdem ist es für die Betroffenen oft schwer, ihre Rechte geltend zu machen. Rossmanith berichtet von einer Frau, die sich an die Beschwerdestelle gewandt hat, weil sie sich gegen die Zwangsunterbringung wehren wollte: "Eigentlich wusste sie sehr gut Bescheid und wollte gegen den Unterbringungsbeschluss Beschwerde beim Gericht einlegen. Aber als ihr das Klinikpersonal dafür die Unterlagen ausgehändigt hat, hat sie sie einfach vor Wut zerrissen." Denn sie war in einer akuten psychischen Krise. "Manchmal ist eine Beschwerde auch unleserliches Gekrakel oder es stehen Beschimpfungen drin. Oder jemand faxt aus lauter Empörung an den Oberbürgermeister statt an das Gericht."

Anwaltliche Beratung können sich viele Betroffene nicht leisten. Die Rechtsanwältin Gabriela Lünsmann vertritt regelmäßig Menschen mit psychischen Erkrankungen. Sie sagt: "Finanziell ist das meist schwierig, psychisch kranke Menschen leben ja oft von Sozialhilfe. Es gibt zwar Beratungs- und Verfahrenskostenhilfe, aber die stellt oft keine angemessene Vergütung für fachlich gute anwaltliche Arbeit dar." Hinzu kommt, dass Menschen mit rechtlicher Betreuung nicht immer ernst genommen werden. "Es gibt schon noch einen ziemlich paternalistischen Ansatz im Betreuungsrecht, bei Ärzten und mitunter auch bei Richtern", kritisiert Lünsmann. "Man möchte helfen – und da ist die Verständigung zwischen Betreuern, Juristen und Medizinern manchmal einfacher, als die mit den Betroffenen."

In der Beschwerdestelle versucht Petra Rossmanith deshalb fast immer, erstmal alle Beteiligten zu einem gemeinsamen Gespräch zu bringen: "Es kann schon sehr viel ändern, wenn die verschiedenen Sichtweisen ausgetauscht werden." Die Erfahrung hat auch Katrin Bauer mit ihrer "Hexenküche" gemacht. "Früher durfte ich bei den Besprechungen nicht mal zuhören. Das hat mich so wütend gemacht", erzählt sie. "Mittlerweile ist das ganz anders. Ich bin bei dabei und ich habe das Gefühl, es wird auch ernst genommen, was ich sage." Leicht fällt ihr das nicht, vor den Fallkonferenzen ist sie immer noch nervös. "Wenn mir da diese geballte Kompetenz gegenüber sitzt …" Sie bricht den Satz ab. Dann sagt sie: "Aber auch ich bin kompetent. Schließlich bin ich die beste Expertin für meine Krankheit."

* Name geändert