Würden Sie gerne drei Wochen lang neben einem vietnamesischen Reisfeld auf einer Isomatte schlafen wollen? Oder tagelang in einer Baracke hausen, wo kein sauberes Wasser und erst recht kein Strom fließen? Ich nicht. Doch die Generation, der ich angehöre, will genau das: reisen, wo das Internet endet. Um später dann den Daheimgebliebenen die Fotos bei Facebook unter die Nase reiben zu können. Die Botschaft ist immer dieselbe: Seht her, ich war in Nepal, ihr nicht. Übersetzt: Ich bin weltoffen, mutig, cool, ganz gewiss nicht langweilig und spießig. In Südostasien mit dem Rucksack auf dem Rücken umhergetrampt zu sein ist mittlerweile so etwas wie das Statussymbol meiner Generation.

Eigentlich sollte meine Generation R heißen und nicht Y, wie Soziologen meine Alterskohorte nennen. Reisen, reisen, reisen lautet die Lebenseinstellung meiner Kommilitonen, ja gar ihre Philosophie. Doch Ansehen erntet nur, wer die exotischsten, abgelegensten und auch ärmsten Länder dieser Welt erkundet. Interrail durch Portugal ist zwar ganz nett, aber längst nicht spektakulär genug. Meine Freunde sammeln daher Fernreise-Erfahrungen wie andere Payback-Punkte bei dm. Wer auf der Reise noch Gutes tut in irgendeiner NGO, kann zugleich seinen Lebenslauf mit einigen Social Skills aufhübschen in der Hoffnung, die Personalplaner zu beeindrucken. Galt das vertrödelte Jahr an der Bucht von Goa vor einiger Zeit noch als vergeudete Zeit, gilt es heute als eine für den Kapitalismus unerlässliche Bewusstseinserweiterung. Sie markiert zugleich den eigenen sozialen Status. Damit übernimmt die auf Facebook penibel dokumentierte Fernreise die Funktion des schicken neuen Autos, das in der Generation meiner Eltern noch zum Neid der Nachbarn unübersehbar vorm Einfamilienhaus geparkt wurde.

Doch es zählt heute nicht nur, wohin man verreist, sondern auch wie. Ein All-inclusive-Urlaub in Laos ist unter Mitt- und Endzwanzigern höchst verpönt. Jeglicher Luxus ist verboten. Denn die Generation Y will reisen, um zu verzichten. Das lässt sie sich notfalls eine ganze Menge kosten. Nur die teure Spiegelreflex darf im Rucksack nicht fehlen, alles andere dagegen ist Ballast. Der Minimalismus ist somit der treueste Begleiter. Die Kamerafotos sollen später beweisen, dass man ein vorbildlicher Weltenbummler war und nicht heimlich am Strand von Mallorca Sangria aus Eimern oder Bauchnabeln getrunken hat. Geschlafen werden darf im Zelt oder auf einer Isomatte, die im Survival-Laden für Großstädter gekauft wurde. Hängematte geht auch in Ordnung. Kurzum, es gilt, die Ansprüche scheinbar auf null herunterzuschrauben. Reisen muss wehtun und dreckig sein, so lautet das Credo. Man ist schließlich kein Tourist, sondern ein Individualist.

Doch nicht nur kollegialer Neid, gesellschaftlicher Druck und kapitalistisches Anspruchsdenken nötigen zum Dauer-Reisen. Von der Angst geplagt, nicht richtig leben zu können, macht sich meine Generation kilometerweit auf, um eine Antwort zu finden auf die Frage: Kann ich für ein paar Wochen überhaupt fernab der Zivilisation leben? So sind meine Altersgenossen getrieben von der tiefen Sehnsucht nach einer Welt, in der es keine Handys, kein Internet, kein Twitter gibt. Der südamerikanische Lama-Treiber wird durch den Kamerasucher betrachtet so zu einem Ideal für ein glücklicheres, besseres Leben. Bevor man jedoch merkt, dass dieses Leben auch nicht besser, sondern eben nur anders ist als das eigene, sitzt man schon wieder im Flieger nach Hause, nach Europa. Die Reise in die Fremde ist somit auch eine Reise zu sich selbst. Je weiter man flieht vor dem komplizierten Leben, desto schöner, bunter, einfacher soll die Fremde sein. Der kurzweilige Verzicht auf die schönen Dinge des Alltags reinigt und erdet die gestresste Seele. Keine Arte-Naturdoku in HD kann einem dieses Gefühl vermitteln. Die Kulturklatsche wird zur Katharsis. Zurück in der Leistungsgesellschaft, fühlen sich die Fernreisenden dann berufen, ihre Mitmenschen zu erleuchten und zu bekehren. Es beginnt die Überzeugungsarbeit: "Ehrlich, du musst unbedingt nach Bangalore fahren, das ist so inspirierend!"

Wer sich auf so ein Abenteuer nicht einlassen will, wirkt unwissend, beschränkt, uneinsichtig. Die Generation Y kann sehr arrogant sein. So halte ich mich auf Partys mittlerweile diskret zurück, wenn mal wieder über die bereits absolvierten und erst recht über die anstehenden Trips in ferne Länder gesprochen wird. Ich schaue mir einfach brav die Fotos der verregneten Tempel an und nicke eifrig, wenn das Gegenüber mir vom besten Shrikhand erzählt, das er je in Indien gegessen hat. Mein einziger Wunsch in solchen Momenten: Bitte frag mich nicht, bitte, bitte, frag mich nicht. "Und du, reist du auch gerne in den Semesterferien in die Ferne?" Da ist sie, die Frage, vor der ich mich fürchte. Die Frage, die mich enttarnt, bei der ich mich kurz fremd fühle in meiner Haut.