Über Stunden war es ruhig, dann sind in der Nacht zu Mittwoch doch wieder Schüsse zu hören. Ein Demonstrant wirft eine Wasserflasche in Richtung Polizei, die sich auf der anderen Straßenseite postiert hat. Plötzlich beginnen die wenigen Hundert Demonstranten, in eine Richtung zu rennen. Es herrscht Verwirrung auf der West Florissant Avenue. Wer hat geschossen und womit? Wird es wieder Tränengas geben? "Hands up, don’t shoot", skandieren die Teilnehmer immer wieder. Nicht schießen, wir sind unbewaffnet.

Es ist Tag zehn nach dem Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown. Seit der 18-jährige unbewaffnete Mann von einem weißen Polizisten auf der Straße erschossen wurde, versammeln sich die Demonstranten jede Nacht auf der Hauptstraße von Ferguson. "Hier kommen 1.000 Jahre Frustration zusammen", beschreibt es Tiara Cole. Die junge Frau ist aus dem benachbarten St. Louis gekommen, um bei den Demonstrationen dabei zu sein. Dort war am Nachmittag ein weiterer Schwarzer erschossen worden. Doch vieles ist bei diesem zweiten Fall anders als in Ferguson: Die Polizei lässt die Leiche des jungen Mannes nicht stundenlang auf der Straße liegen und der Luftraum wird nicht abgeriegelt. Zudem verspricht Stadtrat Antonio French im Lokalfernsehen schnelles Handeln und Aufklärung: "Anders als in Ferguson lassen wir unsere Gemeinde nicht im Stich."

In Ferguson spricht von dem Fall in St. Louis in dieser Nacht niemand. Hier kämpfen sie ihren eigenen Kampf. Es kommt immer wieder zu Wutausbrüchen vor laufenden Kameras. "Stop Killing Us" ist auf T-Shirts zu lesen. "Is it open season on a nigga’s ass?", steht auf einem Schild, "My skin color is no crime", auf einem anderen. Die Wut ist überall.   

Viele Demonstranten tragen Gasmasken und Flaschen mit Milch gegen das Tränengas, Helfer verteilen Wasserflaschen an die Teilnehmer. Inzwischen sind auch Vertreter von Amnesty International vor Ort. Es ist der erste Einsatz der Menschenrechtsorganisation innerhalb der USA. In den vergangenen Tagen habe es von Teilnehmern immer wieder Berichte über den vorschnellen Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen gegeben, sagt Jaime Heils von Amnesty International. "Was wir sehen, sind zunehmende Einschränkungen während der Proteste, der Mangel an Transparenz macht uns Sorgen."

Bundesbehörden untersuchen den Fall

Seit Ferguson ins Zentrum der Weltöffentlichkeit gerückt ist, sind viele Journalisten angereist. "Jeder hier ist von der Presse", beschwert sich eine Kollegin. Nicht immer lässt sich ausmachen, wer Reporter und wer Demonstrant ist – das macht es auch für die Einsatzteams unübersichtlich. Per Lautsprecher fordern die Polizisten die Journalisten wiederholt auf, sich in den abgesperrten Bereich zurückzuziehen. Doch schnell vermischen sich auch dort Medien und Protestierende. Sie rufen: "Wenn ihr auf uns schießt, schießt ihr auf die Presse."

Das Misstrauen ist auf beiden Seiten groß. Donyell Harr ist seit drei Tagen dabei. Jeden Tag laufe er die Strecke aus dem benachbarten Lucas Hunt zu Fuß, mehr als zwei Stunden, ein Auto hat er nicht. "Sie müssen uns das Recht geben, hier zu protestieren", sagt er. Warum sehe die Polizei sie als Gegner? Erst gegen zwei Uhr in der Nacht beruhigt sich die Lage. Am Ende werden 47 Menschen festgenommen.

Am nächsten Morgen wechselt der Schauplatz: Die Demonstranten treffen sich in Clayton, wenige Autominuten entfernt, vor dem Justizgebäude. Hier wird der Generalbundesanwalt Eric Holder erwartet, den der US-Präsident geschickt hat. Holder will sich mit dem FBI treffen und mit den örtlichen Behörden beraten. Doch viel wichtiger: Hier beginnt heute die Grand Jury damit, Beweise im Fall Michael Brown zu hören.

Die zwei Dutzend Demonstranten vor der Tür sind skeptisch: "Dies ist der Beginn der Verschleierung", rufen sie. Eine Grand Jury sei zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht nötig, zumal auch sie wohl überwiegend weiß besetzt sein werde. Sie fordern den Rücktritt von Bob McCulloch, dem Chefankläger des Verwaltungsbezirks St. Louis, weil sie ihm kein faires Verfahren zutrauen. Und sie fordern, Anklage gegen den Polizisten, der Michael Brown am 9. August erschoss, zu erheben. No justice, no peace – keine Gerechtigkeit, kein Frieden.