Wer steigt auf, wer bleibt zurück? Menschen vor einer Bankfiliale im spanischen Málaga (Archivbild) © Jorge Guerrero/AFP/Getty Images

Es ist nicht das erste Mal, dass Experten vor einer sozialen Kluft in Europa warnen: Die EU zerfalle in einen armen Süden und einen reichen Norden, warnte etwa die europäische Kommission im vergangenen Jahr. Denn während nördliche Staaten trotz der Finanzkrise verhältnismäßig gut dastünden, herrsche im südlichen Europa Arbeits- und Perspektivlosigkeit.

Doch nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene ist der Kontinent geteilt. Einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge, die am Montag veröffentlicht werden soll, gibt es zwischen Nord und Süd auch in Fragen der Gerechtigkeit deutliche Unterschiede. Dem Magazin Focus lag die Untersuchung vorab vor. Zwar hätten Länder wie Schweden und Dänemark schon immer gut abgeschnitten, wenn es etwa um Chancengleichheit gehe. Doch durch die Wirtschaftskrise sei das Gefälle zwischen der sozialen Gerechtigkeit in den wohlhabenderen Staaten Nordeuropas und den Krisenländern im Süden gewachsen, schreiben die Autoren der Studie. In ihrem EU-Gerechtigkeitsindex warnen sie vor einer sozialen Spaltung in Europa.

So sei etwa der Zugang zu Bildung und Gesundheit in den meisten der 28 EU-Staaten gesunken. Und das obwohl sich die wirtschaftlichen Bedingungen stabilisiert hätten. Es sei eine grundlegende Erkenntnis der Studie, dass Wirtschaftskraft "zwar eine wichtige Voraussetzung, aber auch kein automatischer Garant für soziale Gerechtigkeit" sei, schreiben die Wissenschaftler.   

Die oberen Plätze des Indexes führen Länder wie Schweden, Finnland, Dänemark und die Niederlande an. Auf dem letzten Platz steht das von der Euro-Krise hart getroffene Griechenland. "Dies birgt Zündstoff für den gesellschaftlichen Zusammenhalt innerhalb der EU. Sollte die soziale Spaltung lange andauern oder sich sogar noch weiter verschärfen, gefährdet dies die Zukunftsfähigkeit des europäischen Integrationsprojekts", heißt es in der Studie. Um den Index zu erstellen, haben die Autoren in den unterschiedlichen Ländern die Kriterien Armutsvermeidung, Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt, Gesundheit, Generationengerechtigkeit sowie gesellschaftlichen Zusammenhalt und Nicht-Diskriminierung untersucht.

Deutschlands Bildungsgerechtigkeit ist eher mau

Deutschland landet mit Platz sieben im Mittelfeld der Untersuchung. In der Vergangenheit war dem Land oft eine wachsende Kluft zwischen Privilegierten und Benachteiligten attestiert worden: Die Einkommen driften auseinander. Als einer der wenigen EU-Staaten konnte Deutschland aber nun das Maß der sozialen Gerechtigkeit steigern. Die leichte Verbesserung gehe besonders auf die gute Entwicklung am Arbeitsmarkt zurück.

Schlecht steht es hierzulande um die Bildungsgerechtigkeit. Hier schafft es die Bundesrepublik nur auf Rang 14. Der Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Bildungserfolg – schon in den Pisa-Studien immer wieder kritisiert – sei weiterhin viel zu groß. In Schulen und Universitäten sind vor allem die erfolgreich, die aus bildungsnahen Elternhäusern kommen. Im Bereich Gesundheit (Rang zehn) kann Deutschland nach Ansicht der Experten zwar eine hochwertige Versorgung vorweisen, dennoch sei die Zahl der hier zu erwartenden "gesunden Lebensjahre" im EU-Vergleich unterdurchschnittlich (Rang 23).