Heinz Buschkowsky tastete sich an die richtige Formulierung heran, neulich im Streit mit dem als "Quassel-Imam" bezeichneten Abdul Adhim Kamouss bei Günter Jauch. Eine fundamentalistische Auslegung des Islam, so der Bürgermeister von Neukölln, sei mit der demokratischen Grundordnung Deutschlands "schwerlich, eigentlich gar nicht vereinbar".

Das muss man leider präzisieren. Nicht nur die fundamentalistische Auslegung des Islam, sondern schon seine traditionelle Lesart steht in einem Spannungsverhältnis zum Grundgesetz. Dieser zufolge sind Koran und die Hadithe nicht bloß religiöse Weisungen, sondern Rechtsquellen. Unterschiedliche islamische Schulen, Sunniten und Schiiten sowieso, mögen darüber streiten, wie diese Rechtsnormen auszulegen sind und wie verbindlich sie im Einzelfall gehandhabt werden sollen. Aber die Grundsatzfrage lautet doch: Ist der Koran für viele Muslime, auch in Deutschland, mehr als eine Anweisung zu richtiger islamischer Lebensführung? Ist er ihnen vielmehr Kodex einer Zivilisation?

Dazu hätten wir gerne mal ein, zwei Talkshows.

Jede Freiheit, auch die Religionsfreiheit, endet an der Nasenspitze des anderen. Dass dies aber noch nicht unter allen Muslimen in Deutschland Konsens ist, zeigen unter anderem die zweifelhaften Aussagen von Abdul Adhim Kamouss über Ausgeherlaubnisse für Frauen. Das irritiert deshalb so sehr, weil es eigentlich als akzeptiert schien, eine religiöse Offenbarung könne in einer Demokratie keine allgemeine Gesetzesquelle sein.

Als das Christentum so alt war wie der Islam heute, 1.435 Jahre, begann es die beiden Reiche Religion und Politik zu trennen. In England und Böhmen regten sich, schon vor Luther, mit John Wyclif und Jan Hus die ersten reformatorischen Kräfte. Die von ihnen eingeleitete Trennung von Kirche und Staat war der erste Schritt Europas in die Moderne.

Warum schafft der Islam bis heute nichts Vergleichbares? Warum diese Widerständigkeit vieler Muslime, sich mit der Moderne wenigstens zu versöhnen, sprich: den Koran zeitgemäß auszulegen?

Es gibt diesen innerislamischen Streit um die Zeitgemäßheit des Glaubens durchaus. Bloß bilden die Jauch-Sendungen ihn nicht ab. Dabei wäre es nicht nur eine weltpolitische, sondern auch eine extrem spannende Show, einmal einen islamischen Wyclif, Hus oder Luther gegen einen konservativen Prediger wie Kamouss antreten zu lassen. In Deutschland wird ein moderner Ansatz etwa vertreten durch den islamischen Theologen Mouhanad Khorchide. Oder der Islamwissenschaftler Reza Aslan, der am Ende seiner sehr lesenswerten Geschichte des Islam (Kein Gott außer Gott) die zentralen Fragen stellt, für Kairo und Teheran ebenso wie für Neukölln: "Taugt der Islam heute zum Aufbau einer wirklich liberalen Demokratie? Kann ein moderner islamischer Staat Vernunft und Offenbarung miteinander in Einklang bringen und eine demokratische Gesellschaft auf der Basis der sittlichen Ideale aufbauen, die der Prophet Muhammad vor tausendvierhundert Jahren in Medina formuliert hat?"

Wenn man eines von den muslimischen Verbänden in Deutschland erwarten darf, dann nicht, dass sie sich im Wochenrhythmus von Al-Kaida oder dem IS distanzieren. Sondern dass sie sich diesem Bemühen um eine islamische Reformation verschreiben, und zwar unzweifelhaft. Dazu würde auch gehören, dass diese Verbände sich hinter jene stellen, die das Modernisierungsprojekt längst verfolgen. In der Vergangenheit ist das leider nicht immer geschehen.

Luther wusste aber, wen er angreifen musste – den Papst. Die Tatsache, dass es im Islam keinen Kalifen mehr gibt, also nicht die eine richtige Lehre, macht jeden Versuch der Berichtigung natürlich schwierig; es fehlt der archimedische Punkt. Aber sie ist nicht unmöglich. Wie wäre es, für den Anfang, nicht mit fünfundneunzig Thesen, sondern erst einmal nur dreien:

1.    Die muslimische Frau ist dem muslimischen Mann gleichgestellt.
2.    Muslime müssen ihren Glauben ungestraft aufgeben oder wechseln können. Apostasie ist kein Delikt.
3.    Weltliche Gesetze gehen religiösen Gesetzen vor.

Fortsetzung erwünscht.