1974, ein Schullandheim in der Nähe von Hameln. Wir Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse einer Grundschule aus Hannover verbringen dort eine Woche. Nach einem erlebnisreichen Tag sollen wir duschen gehen. Die Mädchen in einer Gemeinschaftsdusche, die Jungen in einer anderen. Schon das Ausziehen vor meinen Klassenkameradinnen im Umkleideraum bereitet mir Unbehagen. Dann alle gemeinsam unter den Wasserstrahl. Und mittendrin Frau Bergmann. Unsere Lehrerin. Nackt. Mit dunklen Schamhaaren. Ich wusste gar nicht, wo ich hinschauen sollte.

Diese Szene hat mich lange begleitet. Nicht mal meine Mutter hatte ich bis dahin nackt gesehen. Ich war verstört. Denn bei uns war eine Lehrerin eine absolute Respektsperson. Vor der zog man sich weder aus noch duschte man mit ihr.

Ich war neun Jahre alt und vor einem Jahr aus einer türkischen Kleinstadt bei Bursa nach Hannover gekommen. Ich hatte Probleme mit der Sprache, kannte weder Sitten noch Gebräuche. Ich fremdelte. Damals empfand ich die Situation im Duschraum als sehr peinlich. Heute weiß ich, was es war: Scham. Um es genauer mit dem Fachterminus zu benennen: Intimitätsscham.

Die Grenzen der Intimitätsscham variieren je nach Kultur und Religion. Das ist für Fachleute eine Binsenweisheit, diese Einsicht fehlt aber zuweilen Vertretern der Mehrheitsgesellschaft. So verstehen manche nicht, warum sich eine Muslima, die ihr Haar verhüllt, ohne Kopftuch nackt fühlt.

Scham entsteht nicht allein im Bezug auf Nacktheit, sondern auch, wenn man die Abweichung, das Anders- oder Fremdsein spürt. Erst im Laufe meines Lebens habe ich festgestellt, wie sehr mich das Gefühl der Scham ob des Andersseins begleitet hat. Das mag daran liegen, dass Scham ein sehr peinigendes Gefühl ist und wir alle dazu neigen, es zu verdrängen.

Erst als Erwachsene habe ich angefangen, über schambesetzte Situationen nachzudenken und meine Schlüsse daraus zu ziehen. Meine Eltern haben das eher nicht getan. Jedenfalls haben sie mit mir darüber nie sprechen können. Gefühlt haben müssen sie es aber auch. Zum Beispiel, wenn ich als Kind für sie beim Arzt oder auf dem Amt dolmetschen musste, weil ihre Sprachkenntnisse nicht ausreichten.

Ich habe mich damals doppelt geschämt: für das schlechte Deutsch meiner Eltern und für meine Überlegenheit in solchen Situationen. Die Fachwelt spricht in diesem Fall von Parentifizierung und Kompetenzscham. Der Gebrauch einer fremden Sprache birgt Fehler, die man macht und die offenbar werden, eine Quelle von Kompetenzscham, erklärt der Aachener Psychoanalytiker Micha Hilgers, der mit Scham. Gesichter eines Affekts ein Standardwerk zu diesem Thema verfasst hat. Sich nicht richtig vermitteln zu können, dem eigenen emotionalen Erleben nicht die rechte Ausdrucksform verleihen zu können, lasse den fremdsprachigen Migranten Einsamkeit und Isolation fühlen, wenn er sich nicht mit seinesgleichen in Ghettos abschotte.