Schon wenn die Tierschutzorganisation PETA gegen die Pelzindustrie demonstriert, sind die Bilder oft drastisch wie hier 2007 in Berlin. Militante Tierrechtler gehen aber noch weiter. © Hannibal Hanscke / Reuters

Sie zünden Mastanlagen an, beschädigen Fleisch-Transporter, legen Hochsitze um, stören Jagdgesellschaften und befreien Nerze und Enten aus Farmen: Mehr als 2.000 Straftaten sollen Tierrechtsextremisten in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland verübt haben, hat das Bundeskriminalamt gezählt. Glaubt man den Zahlen der Sicherheitsbehörden, begehen die Öko-Extremisten jede Woche vier Delikte. Die Aktivisten der Animal Liberation Front (ALF) sprechen selbst von mindestens zwei Anschlägen pro Woche.

Doch in keinem Verfassungsschutzbericht, in keinem offiziellen Report von Landeskriminalämtern oder BKA tauchen diese Taten auf. Monatelang haben Reporter von ZEIT und ZEIT ONLINE Bekennerschreiben, Blogs, Szene-Magazine, Dokumente von Sicherheitsbehörden und aus Landtagen sowie Nachrichten in Lokalzeitungen durchforstet. Sie sprachen mit Ermittlern, Aktivisten und Szenekennern in ganz Deutschland. Erstmals ist so eine Übersicht über konkrete Anschläge aus dem militanten Tierrechtsmilieu in den vergangenen fünf Jahren entstanden. Trotz intensiver Recherchen konnten jedoch nur 136 direkt zuortbare Attacken identifiziert werden.


In der Nähe von Pollhagen in Niedersachsen sprengten Unbekannte einen Hochsitz in die Luft. In Bochum brannten drei Fleischlaster vor einem Schlachthof. In Berlin entdeckte die Besitzerin eines Pelzgeschäftes rote Lackfarbe auf der Frontscheibe ihres privaten Autos. In den Bekennerschreiben und an Tatorten finden sich stets ähnliche Parolen: "Jagd ist Mord", "Fleisch ist Mord", "Pelz ist Mord".

Diese drei Anschläge aus den vergangenen 12 Monaten sind typische Aktionen militanter Tierrechtler. Ingesamt sollen sie, sagt das BKA, in zehn Jahren fast 1.400 Sachbeschädigungen verübt haben, mehr als 100 Nötigungen, 35 Brandstiftungen von Mastanlagen, Autos und Wurstfabriken sowie diverse weitere Delikte. 

Bis zu 1.000 Personen agieren derzeit im Untergrund der militanten Tierrechtsbewegung. Sie haben sich in Kommandos zusammengefunden und nennen sich "Autonome Gruppe 'Christian Portillo'", "Mordpräventionskommission" oder "Zornige Bambis". Der größere Teil versteht sich als Zelle der ALF oder der Earth Liberation Front (ELF). Wird ein Laster abgebrannt oder werden in einer Fleischerei die Fenster eingeworfen, wird meistens das Kürzel ALF daneben gesprüht.

Beide Gruppen sind keine Vereinigungen im klassischen Sinne. Sie haben keine Mitglieder und keinen Vorstand, sondern nur ein gemeinsames Ziel: Tier- und Naturausbeutung mit aller Gewalt verhindern. Diese Gewalt darf sich jedoch nicht gegen Menschen oder Tiere richten, ansonsten ist alles erlaubt, was nicht erlaubt ist.

Gleiche Rechte für Mensch und Tier?

Der radikale Protest war in der Vergangenheit sehr erfolgreich. Nach der "Offensive gegen die Pelzindustrie", einer konzertieren Kampagne der Tierrechtsszene gegen Kaufhof, Escada, Peek&Cloppenburg und SinnLeffers, nahm eine große Kleiderkette nach der anderen Pelze aus dem Angebot. Jäger wagen sich nicht mehr, öffentlich aufzutreten, Treibjagden werden mittlerweile nicht mehr in Zeitungen und im Internet angekündigt und eine Staatsjagd im Segeberger Forst, zu der die Schleswig-Holsteinische Landesregierung eingeladen hatte, wurde wegen angedrohter Jagdstörung abgesagt. Hochschulen vertuschen ihre Tierversuche mit Tarnnamen, damit sie durch Suchmaschinen im Internet nicht auffindbar sind. Und in Niedersachsen kam der Stallbau-Boom ins Stocken, nachdem vor vier Jahren die erste Hühnermastanlage brannte.

Tierrechtler fordern dieselben Rechte für Tiere und für Menschen. Sie wollen nicht nur Tiere aus Käfigen befreien, sondern jedwedes Lebewesen aus jedweder Herrschaft. Darum kämpfen sie gegen jede Form der "Tierausbeutung". Hühner, Schweine und Kühe sollen nicht zur Fleisch-, Ei- oder Milchproduktion gehalten werden, Pferde nicht im Zirkus dressiert und an Affen keine Tierversuche in Laboren durchgeführt werden. Kein Lebewesen dürfe für die Bedürfnisse eines Menschen leiden. Die Grenzen zwischen den Spezies sollen fallen.

Wissen Sie von einer Straftat, die hier noch nicht aufgeführt ist? Wir tragen sie gerne nach. Und haben Sie weitere Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen Sie finden, dass die Öffentlichkeit sie erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.