Brauchen Menschen im Alter Hilfe, umsorgen die eigenen Kinder sie – das ist das Idealbild. Möglicherweise helfen Sohn und Tochter auch finanziell, falls die Rente, Ersparnisse und Pflegeversicherung nicht ausreichen. Aber es gibt Fälle, in denen Kinder nicht bereit sind, die pflegebedürftige Mutter oder den Vater zu unterstützen. Der Grund ist oft ein Zerwürfnis: Mutter oder Vater erschien nicht zur Hochzeit des Kindes, verurteilte dessen Lebenswandel oder kam nicht für die Ausbildung auf. Trotzdem kann es sein, dass sich nach vielen Jahren das Sozialamt meldet und vom Kind Geld für Pflegekosten sehen will.

Grundsätzlich darf nämlich auch in solchen Fällen erwartet werden, dass Kinder für ihre bedürftigen Eltern zahlen, urteilen die meisten Richter. Denn: nach Paragraf 1601 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) sind Verwandte in gerader Linie verpflichtet, einander Unterhalt zu gewähren. Ausnahmen gibt es, wenn der Unterhaltsanspruch nach Paragraf 1611 Absatz 1 BGB "ganz oder teilweise verwirkt" wurde. Wenn der Unterhaltsberechtigte die Bedürftigkeit selbst verschuldet hat, etwa seine Ersparnisse verspielt hat. Allerdings kann Spielsucht auch als Krankheit angesehen werden, jeder Einzelfall muss geprüft werden.

Den Anspruch können Eltern ebenfalls verlieren, wenn sie ihrer Unterhaltspflicht selbst nicht nachgekommen sind oder wenn "grobe Verfehlungen" vorliegen. So stimmte das Oberlandesgericht Celle im Jahr 2010 zu, den Unterhaltsanspruch einer Mutter um 25 Prozent herabzusetzen. Ihr Sohn hatte schon über 50 Jahre lang nur sporadisch Kontakt zu seiner Mutter. Sie habe eine "verwandtschaftliche Eltern-Kind-Beziehung nicht gelebt ", hieß es in der Begründung. Die Mutter hatte die Geburt der Enkel "nicht zur Kenntnis" genommen sowie dem Sohn keinen Beistand geleistet, als dessen Ehefrau schwer an Krebs erkrankte und später starb.

Wer erbt, muss auch Unterhalt zahlen

Insgesamt sind die meisten Richter aber der Ansicht, dass Kinder unterhaltspflichtig sind, wenn der Kontakt erst im Erwachsenenalter abgebrochen wird. Denn die Eltern haben für ihren Nachwuchs gesorgt, als er noch minderjährig war. Kinder müssen auch deshalb für ihre Eltern zahlen, da ihnen umgekehrt zusteht, von ihren Eltern zu erben. "Wollte man den Elternunterhalt grundsätzlich begrenzen, könnte dies nicht ohne Einfluss auf das Erbrecht der Kinder gegenüber ihren Eltern bleiben", sagt eine Sprecherin des Bundesjustizministeriums.

Sollte das Gesetz dahingehend geändert werden, dass sich Eltern, wenn sie keinen Kontakt zum Kind mehr haben, stärker um ihre eigene Vorsorge kümmern müssen? Der Gesundheitsexperte Jens Spahn (CDU) hält das für den falschen Ansatz. "Das könnte man auch als Anreiz verstehen, die Eltern zu vernachlässigen, um später keine Unterhaltsverpflichtung eingehen zu müssen", sagt Spahn.

Die Vorsorge müsse aber insgesamt gestärkt werden. "Gerade weil heute und in Zukunft weniger Kinder auf einen Pflegebedürftigen kommen werden, ist es notwendig, schon heute für die eigene Pflege vorzusorgen", sagt Jens Spahn.