Der frühere Union-Carbide-Techniker Totaram Chauhan © Katja Keppner

Afroz hat die Beweise vor sich ausgebreitet. Seine Mutter Nusha hilft ihm, während er versucht, den Report aus dem Krankenhaus in die Kamera zu halten. Und mit der anderen das Foto von dem Blasenkatheter, der an ihm hängt. "Meine Nieren funktionieren nicht mehr", sagt er. "Ich kann nicht lange laufen, sonst geht mir die Puste aus. Meine Augen brennen und laufen schnell rot an."

  

Seit Afroz denken kann, hat er gesundheitliche Probleme. Als er zwei Jahre alt war, legten sich 40 Tonnen tödliches Giftgas über seine Stadt und das Viertel, in dem er bis heute lebt. "Mein Mann kam damals zu uns gerannt. Er hielt sich ein Tuch vor den Mund", erinnert sich seine Mutter. "Aber für Afroz war es zu spät. Seine Arme, der Bauch und die Beine waren bereits angeschwollen."

Umgerechnet 30 Euro für lebenslange Schmerzen

Afroz leidet an den Folgen, die das hochgiftige Methylisocyanat, kurz MIC, in ihm angerichtet hat. MIC ist ein Stoff, mit dem normalerweise Insekten bekämpft werden. Bereits wenige Tropfen können tödlich sein. Bei Menschen greift die Substanz die Schleimhäute an und verätzt die inneren Organe.

Der von der Katastrophe in Bhopal geschädigte Afroz mit seinem Kind © Katja Keppner


Das US-amerikanische Unternehmen Union Carbide hatte das Pestizid seit Anfang der 1970er Jahre in seiner Fabrik in Bhopal produziert. Bis an einem Sonntagabend Anfang Dezember 1984 Wasser in den Tank gelang, in dem das Gift gelagert war. Durch die chemische Reaktion drang ein Giftgemisch in weißem Rauch aus dem Behälter und legte sich über das nahe gelegene Armenviertel, in dem Afroz mit seiner Familie bis heute lebt. Was dann folgte, sollte den Tod für mehr als 20.000 Menschen bedeuten. Viele starben mit aufgerissenen Mündern, weil sie wegrannten und zwischen Luftholen und Erbrechen ihr Leben verloren. 

Hunderttausende, die überlebten, leiden heute noch unter chronischen Beschwerden. Seit Jahrzehnten läuft ein juristischer Kampf, wer für die Katastrophe verantwortlich ist. 1989 einigten sich das US-Unternehmen und die indische Regierung in einem außergerichtlichen Vergleich auf Entschädigungszahlungen von 470 Millionen Dollar. Doch viele der Opfer klagen seitdem, dass sie das Geld nie erreicht hat. Afroz bekam ein Jahr lang monatlich 200 Rupien, umgerechnet etwa zwei Euro, ausgezahlt. Mehr nicht.

Nur einmal, 2010, wurden sieben indische Manager von Union Carbide vor Gericht zu Haftstrafen verurteilt, anschließend aber gegen Kaution freigelassen. Von der damaligen Muttergesellschaft in den USA wurde bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen. Immerhin stand bis vor Kurzem auch der damalige Vorstandschef, Warren Anderson, auf der Liste der Angeklagten. Aus Sicht indischer Gerichte galt er seit 1984 als flüchtig. Doch nie wieder betrat er indischen Boden. Vor einigen Wochen verstarb er im Alter von 92 Jahren.