Wie handelt ein guter Muslim? Mit dieser Frage konfrontierte mich vor Kurzem ein Anrufer am Telefon. In seiner Moschee diskutiere die Gemeinde seit Tagen, welche Haltung sie zu den Geschehnissen im Irak einnehmen solle – zum Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Müsse er als guter Sunnit nicht eigentlich auf Seiten des "Islamischen Staates" (IS) stehen? Schließlich würden diese doch für seine Konfession (die "wahren" Muslime) Partei ergreifen und das ersehnte Kalifat anstreben. Wohl war ihm bei dem Gedanken aber nicht: Seine Kinder wolle er nicht in einem Staat der IS-Terroristen aufwachsen sehen. Wegen seines Zögerns und Zweifelns war in seiner Gemeinde eine leidenschaftliche Debatte entbrannt und er wollte meinen Rat. Dabei ist der IS nicht das eigentliche Problem, sondern nur Symptom: Es ist die Legitimation von Gewalt durch das Heranziehen von Koranversen, die das Entstehen militanter Gruppierungen scheinbar zu einem Selbstläufer im Islam gemacht hat.

Die Gewalt im Namen des Islam ist wohl die größte Herausforderung an die Muslime der Gegenwart. Die Frage, was in dieser Zeit einen guten Muslim ausmache, kann nicht mit Ausweichstrategien wie "Islam ist Frieden" oder "Das hat nichts mit dem Islam zu tun, sondern hat allein politische Gründe" beantwortet werden. Damit vermeiden Muslime nur die Auseinandersetzung mit dem Problem. Es braucht vielmehr eine religionskritische Analyse, damit die Gewalt im Namen des Islam nicht ein stets wiederkehrendes Phänomen bleibt.

Allerdings beschäftigen sich muslimische Gelehrte und Denker vor allem mit der Frage, wann der Dschihad als gerechter Krieg legitim ist, wie ein solcher Kampf ausgefochten werden darf und was seine Grenzen sind. Zu dieser Logik der Gewalt schlägt der syrische, an der ägyptischen Al-Azhar-Universität ausgebildete, Gelehrte Jawdat Said eine wichtige Gegenrichtung ein, wenn er vom "Tod jeglichen Krieges" schreibt.

Said hatte während seiner Studienzeit Ende der 1940er Jahre miterlebt, wie die ägyptische Muslimbruderschaft immer militanter wurde. Ihre Versuche, durch Attentate eine politische Veränderung zu erreichen, schadeten nicht nur dem Islam, sondern schufen zugleich ein gesellschaftliches Klima der Angst. So war es dem Staat dann möglich, Schritt für Schritt zugunsten der Sicherheit die bürgerlichen Freiheiten einzuschränken – bis heute.

Koran legt Schwerpunkt auf Abel, nicht Kain

Als Reaktion auf die gewaltlegitimierenden Schriften des Muslimbruder-Theoretikers Sayyid Qutb, der als wichtigster islamischer Denker des 20. Jahrhunderts gilt, verfasste Said schließlich 1966 sein wegweisendes Buch Die Schule von Adams Sohn: Das Problem der Gewalt in der islamischen Welt. In elf weiteren Büchern baute er seine Lehre von der Gewaltlosigkeit im Islam weiter aus. Für den Versuch Anfang der 2000er Jahre, diese Lehre in die Praxis umzusetzen und in Syrien eine Bürgerrechtsbewegung zu gründen, wurden seine Mitstreiter allerdings mit bis zu fünf Jahren Haft verurteilt. In den Bewegungen des Arabischen Frühlings bekam Said in Syrien für seine Thesen dann wieder mehr Aufmerksamkeit. Auf Protestbannern konnte man immer wieder Zitate aus seinen Büchern lesen und er selbst ermahnte die Demonstranten wiederholt, sich nicht vom Assad-Regime zu gewalttätigen Handlungen provozieren zu lassen. Doch die Revolution schlug in einen bewaffneten und blutigen Konflikt um, der 83-Jährige floh in die Türkei. Doch was ist so bemerkenswert an seinen Thesen?

Said sieht einen Ausweg aus der endlosen Gewalt nur, wenn seine Glaubensgeschwister sich in einer Ethik der Gewaltlosigkeit einüben. Seine These eröffnet er mit einem theologischen Schachzug, indem er auf die koranische Kain und Abel-Erzählung verweist. Im Unterschied zur biblischen Version liegt im Koran der Schwerpunkt auf Abel und seiner Begründung, weshalb er der Bedrohung durch Kain nicht mit Gewalt begegnet.

In der Haltung Abels sieht Said ein Ethos formuliert, das den Muslimen eine neue Morgenröte bereiten könnte, nämlich den Verzicht auf jegliche Handlung, die Gewalt beinhaltet – bis zur Aufgabe des Rechts auf Selbstverteidigung. Im koranischen Wortlaut: "Wahrlich, erhebst du auch deine Hand gegen mich, um mich totzuschlagen, so erhebe ich doch nicht meine Hand gegen dich, um dich zu erschlagen." (Sure 5, Vers 28)

Diese gewaltlose Handlungsweise stellt nach Said kein singuläres Phänomen dar, sondern sei eine prophetische Handlungsmaxime, die er in der Erzählung der Propheten Noah, Moses, Hud, Schuayb und Jesus nachweisen kann.

Anhand ihrer Lebensmodelle schlussfolgert Said, dass die Propheten in ihren jeweiligen Gesellschaften zwar Veränderungen erreichen wollten, diese aber niemals gewaltsam herbeiführten.