Mit Migration und Migranten wird rund um den Globus Politik gemacht. Das Thema wird kontrovers diskutiert in Russland und in den Vereinigten Staaten, in Korea und Japan, in Brasilien und Australien. Und natürlich auch innerhalb der Europäischen Union, wo es allenthalben ausländerfeindlichen Parteien Zulauf verschafft – und wo der britische Premier David Cameron versucht, die Freizügigkeit von Arbeitskräften innerhalb der Europäischen Union zu beschneiden.

Ob Ukip in England, die AfD in Deutschland, die Danks Folkeparti in Kopenhagen, die Wahren Schweden und Finnen in Stockholm und Helsinki oder die Schweizerische Volkspartei in der Schweiz – sie alle beklagen die Einwanderung angeblich ungelernter, schlecht ausgebildeter und raffgieriger Menschen in unsere überforderten Sozialsysteme. Der Ärger darüber zielt vor allen Dingen auf die Zuwanderer aus den Balkanstaaten, besonders Rumänien und Bulgarien.

In einer Umfrage aus dem Jahr 2008 gaben 44 Prozent der EU-Bürger an, die Immigranten würden mehr an Sozialleistungen ergattern als sie an Steuern bezahlen. Dieselbe Umfrage ergab auch, dass nur 8 Prozent bereit waren, den Zuwanderern unmittelbar nach ihrer Ankunft Sozialleistungen zu gewähren. 38 Prozent wollten diese erst gestatten, wenn die Migranten ein Jahr lang gearbeitet und Steuern bezahlt hätten. Weitere 37 Prozent wollten die Gewährung von Sozialleistungen überhaupt erst nach vollzogener Einbürgerung zulassen.

Jetzt haben zwei britische Migrationsökonomen nachgewiesen, dass jedenfalls für das Vereinigte Königreich die diesen Ansichten zugrundeliegenden Prämissen keineswegs stimmen. In ihrer Studie The Fiscal Effects of Immigration on the UK rechnen Christian Dustmann und Tommaso Frattini ihren Landsleuten vor, dass die Neuankömmlinge weder ungelernt noch ungebildet noch raffgierige Sozialschmarotzer sind.

Ungelernt und ungebildet? Über 60 Prozent der Zuwanderer aus West- und Südeuropa haben einen Universitätsabschluss. Auch die Abschlüsse der Osteuropäer lassen sich sehen: 25 Prozent haben einen Titel in der Tasche, ein Prozent mehr als geborene Engländer.

Sozialschmarotzer jedoch? Auch hier sprechen die tatsächlichen Zahlen eine andere Sprache als die Farages, Sarrazins und Luckes dieser Welt. Dustmann und Frattini zufolge haben die Einwanderer aus der EU zwischen 2000 und 2011 rund 15 Milliarden Pfund mehr an Steuern bezahlt, als sie an Sozialleistungen erhalten haben; das sind 64 Prozent mehr. Selbst die Osteuropäer zahlten dem Fiskus 12 Prozent – 5 Milliarden Pfund – mehr, als sie an Sozialleistungen und Transferzahlungen empfingen. Hinzu kommt, dass ihr Herkunftsland ja ihre Bildung bezahlt hat, was dem britischen Staat zwischen 1995 und 2011 rund 14 Milliarden Pfund Sterling ersparte.

Die Schlussfolgerung der beiden Autoren ist eindeutig: "Die Zuwanderer, die seit 1999 zu uns gekommen sind, waren keineswegs ein Aderlass für unsere Staatsfinanzen; vielmehr haben sie im Saldo einen substanziellen Nettobeitrag geleistet." Die Wirklichkeit steht also in scharfem Gegensatz zu den Ansichten, die in der öffentlichen Debatte vertreten werden. Dustmann und Frattini räumen allerdings ein, dass es in anderen Ländern anders aussehen mag – etwa in Norwegen.

Da wäre es schon höchst interessant zu erfahren, wie die Dinge denn in Deutschland stehen. Es wäre der Mühe und aller Ehren wert, wenn sich das eine oder andere unserer wirtschaftswissenschaftlichen Institute dieses wichtigen Themas annehmen wollte.