ZEIT ONLINE: Frau Goetz, der Wiener Akademikerball ist längst kein wichtiges Vernetzungstreffen der europäischen Rechten mehr. Warum richtet sich der größte antifaschistische Protest der Stadt ausgerechnet gegen dieses Fest der Burschenschaften?

Judith Goetz: Die Proteste sind zu einem Symbol geworden: Die Ballsaison ist für Wien immens wichtig, quasi jeder Verein hat seinen eigenen Ball. Die Wiener Linke hat die Tradition, gegen Bälle auf die Straße zu gehen, weil sich dort gesellschaftliche Missstände gut aufzeigen lassen. Lange war die Demonstration gegen den Opernball das größte Event, da ging es um eine Elite, die sich von der Gesellschaft abkoppelt und den Pöbel draußen hält. Beim Akademikerball kommt die Kritik am Rechtsextremismus dazu. Die Mobilisierung dagegen funktioniert sehr gut, dieses Jahr haben sogar Wiener Taxifahrer einen Boykott verkündet.

ZEIT ONLINE: Nicht jeder, der auf diesen Ball geht, ist rechtsextrem.

Goetz: Nein, aber es gibt eine große rechtsextreme Beteiligung. Die Organisatoren machten nie ein Geheimnis daraus, dass die europäische, rechtsextreme Prominenz den Ball besucht. Sie kultivieren ein menschenfeindliches und zum Teil auch antidemokratisches Gedankengut: Sexismus, Rassismus und einen meist verklausulierten Antisemitismus – das gehört zu ihren Wertefundamenten, vor allem in Österreich.

ZEIT ONLINE: Zu den Protesten gegen den Akademikerball, der früher der Ball des Wiener Kooperationsrings (WKR) war und mittlerweile von der FPÖ veranstaltet wird, rufen ganz verschiedene Bündnisse auf, es wird 13 Kundgebungen geben. Was unterscheidet sie voneinander?

Goetz: Es gibt drei nennenswerte Aufrufe. Jetzt Zeichen Setzen!, ein bürgerliches Bündnis, in dem unter anderem Holocaust-Überlebende und zivilgesellschaftliche Organisationen engagiert sind. Außerdem gibt es die Offensive gegen Rechts (OGR), ein breites Bündnis, in dem seit 2011 an die 40 Gruppen organisiert sind. Das ist am ehesten ein sozialistisches oder sozialdemokratisches Projekt. Dann gibt es NoWKR, das aus einem autonomen, antiautoritären und linksradikalen Hintergrund kommt, am längsten gegen den Ball mobilisiert …

ZEIT ONLINE: … und unter deren Banner vergangenes Jahr auch der sogenannte schwarze Block marschierte. Dieses Jahr ist die NoWKR-Demonstration verboten worden. Ist das Ziel, den Ball zu verhindern, nicht problematisch? Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut.

Goetz: Es gibt unterschiedliche Standpunkte. Für die einen darf der Ball stattfinden, aber nicht in der Hofburg, dem repräsentativsten Gebäude der Republik, in dem der Bundespräsident seinen Sitz hat. Die anderen wollen, dass der Ball nicht mehr stattfinden darf.

ZEIT ONLINE: Die Zersplitterung der Linken hat eine lange Tradition. Jede Gruppe wirft der anderen Sektierertum vor. In Deutschland, vor allem in Berlin, gibt es Bemühungen der Antifa dies zu ändern, und sich auf die politische Arbeit zu konzentrieren. Warum geht diese Entwicklung an Wien vorüber?

Goetz: Ach, Österreich ist immer ein wenig hintennach. Was in Deutschland vor zehn Jahren Thema war, kommt jetzt langsam in Wien an. Trotzdem passiert in den aufgesplitterten Bündnissen viel inhaltliche Arbeit. Die Perspektiven und die damit verbundene Gesellschaftskritik sind allerdings grundlegend andere: Während es OGR darum geht, die Demokratie zu verbessern, entwirft NoWKR eine gesellschafts- und kapitalismuskritische Utopie. Am Ende geht es bei diesem Protest aber um dieselbe Sache: Rechtsextreme Tendenzen in der Gesellschaft aufzuzeigen und diesen Burschenschafterball im weitesten Sinne zu verhindern.