Muslime müssen derzeit viel aushalten: Kaum bekräftigt die Kanzlerin mit großer Geste, dass der Islam zu Deutschland gehöre, kontert der Chef der AfD, Bernd Lucke: "Der Islam ist Deutschland fremd". Allmontäglich demonstrieren auf Deutschlands Straßen und Plätzen Zehntausende gegen eine angebliche Islamisierung Europas, die Hardliner unter ihnen brüllen "Deutschland, Deutschland" und "Wir sind das Volk". Und dann feuern in Paris auch noch zwei islamistische Gotteskrieger in der Redaktion von Charlie Hebdo um sich und töten zwölf Menschen – ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit. Schlimmer kann es für eine Glaubensgemeinschaft kaum kommen.

Islamisten als Gefahr – von diesem Thema wollte die Deutsche Islamkonferenz eigentlich weg. Das 2014 beschlossene Arbeitsprogramm der jährlichen Tagung von Regierung und Muslimverbänden sah für den heutigen Dienstag Wohlfahrt als Thema vor: Ausgelotet werden sollte, wie sich Jugendarbeit und Altenpflege in Deutschland besser auf die Bedürfnisse von Muslimen abstimmen lassen. Doch nach den Anschlägen in Frankreich war klar, dass sich auch bei diesem Treffen die Themen Sicherheit und Radikalisierung nicht ausblenden lassen. 

Als vermutlich erster erkannte dies Erol Pürlü vom Koordinationsrat der Muslime in Deutschland. Er setzte am Freitag einen Text auf und ließ ihn am Wochenende unter den Mitgliedsvereinen der Islamkonferenz kursieren, am Dienstag verlas er das zweiseitige Papier als Erklärung aller Muslimverbände auf der Islamkonferenz. Gemeinsam verurteilen sie den Anschlag von Paris als Anschlag auf demokratische und islamische Werte. "Der Terror hat keine Religion", heißt es darin.

Zu Wochenbeginn hatten auch die beteiligten Bundesministerien erkannt, dass Wohlfahrt nicht das Hauptthema des Treffens sein konnte. Familienministerin Manuela Schwesig ließ die Bild-Zeitung wissen, sie werde das erst vor Tagen gestartete Förderprogramm "Demokratie leben" um zehn Millionen Euro aufstocken, um das Abdriften junger Menschen in den Islamismus zu verhindern. Und das Innenressort verschob den Auftritt von Minister Thomas de Maizière so, dass er mit allen anderen Muslimvertretern zusammensaß – und nicht nur für ein kurzes Pressestatement vor Kameras und Mikrofonen stand.

Seine Kernbotschaft: Alle friedliebenden Muslime würden gebraucht, damit in Moscheen nicht Hass gepredigt werde. Er erzählte von 15-jährigen Selbstmordattentätern, von den gefährlichen, weil radikalisierten Rückkehrern aus Syrien, von den Hass-Sites im Netz. Eigentlich ist de Maizière für die harten Instrumente gegen den Islamismus zuständig – die Polizei, die Geheimdienste, die Überwachung, Schwesig dagegen für die Prävention. Jetzt wollen beide gemeinsam – finanziert über das neue Förderprogramm – Muslime zu Gesprächen in die Schulen schicken, um dort das Abgleiten junger Menschen in den Islamismus zu verhindern. Grundsätzlich müsse staatlich finanzierte Jugendarbeit Muslime stärker einbeziehen, sagte Schwesig. Aber auch die Muslime müssten von sich aus aktiver werden.

Die große Mehrheit der Muslime sei gegen Gewalt, war auf der Konferenz überall zu hören. Etwas aber blieb an den Mikrofonen ungesagt. Was die Täter von Paris auf die Zeichner von Charlie Hebdo feuern ließ, ärgert auch Teilnehmer des Treffens: Karikaturen, die Mohammed zeigen, Karikaturen von Turbanträgern mit Waffen, Sprengsätzen oder Blut. "Das ist für mich geschmacklos", sagt Pürlü vom Koordinationsrat am Rande des Treffens. Für die Muslime sei Mohammed der Friedensbote. Und für Muslime gelte, sich kein Bild von ihm zu machen. "Wer Mohammed als Förderer von Terror darstellt, verletzt uns, weil das nicht der Wahrheit entspricht und nimmt die Gläubigen in Sippenhaft." Bitternis klingt durch. Ähnlich sagt es Bekir Alboga, Vorstandssekretär im Dachverband Ditib. "Den IS oder andere Terroristen kann man karikieren, Mohammed sollte man nicht", formuliert er. "Mohammed bedeutet mir viel."

Unterstützung von den Grünen

Beide wünschen sich mehr Respekt und Sensibilität von den Zeichnern, auch von Charlie Hebdo. "Ich gehe mit anderen Religionen auch respektvoll um", sagt Pürlü. "Man muss keine Würdenträger in den Dreck ziehen." Deshalb würden Muslimvertreter in den nächsten Tagen auch Zeitungsredaktionen besuchen, um Respekt vor religiösen Gefühlen anzumahnen, kündigte er an. Unterstützung erhalten sie dabei von den Grünen im Bundestag: "Nicht alles, was Meinungs- und Pressefreiheit schützen, muss man auch sagen und schreiben", sagte der religionspolitische Sprecher der Fraktion, Volker Beck. "Das ist die Verantwortung, die mit Freiheit immer einhergeht." Allerdings sollten Respekt und Rücksicht die rote Linie bestimmen, nicht Angst vor Terror, betonte er. "Beleidigung und Hetze muss aber niemand erdulden." 

Zugleich sind die Vertreter der Muslime jedoch bemüht, jede Äußerung zu vermeiden, die als Relativierung des Terror-Massakers von Paris verstanden werden könnte. Denn auch eine Woche danach stehen vor allem die Opfer im Vordergrund und die Freiheit von Presse und Meinung. Dies gilt auch für die Mahnwache am Brandenburger Tor, zu der die muslimischen Verbände für diesen Dienstagabend eingeladen hatten und an der auch viele prominente Politiker teilnehmen wollten. 

Auch in diesem Fall hatten Muslime und Regierung nicht sofort zueinander gefunden. Erst als klar wurde, dass sich Union und SPD nicht auf einen gemeinsamen Gedenkakt einigen würden, schlossen sich die Regierungsparteien der Mahnwache an.