Aus Hamburg berichtet Arnfrid Schenk:

Der Imam kommt in seiner Freitagspredigt sofort zur Sache: Die Attentäter von Paris "sind Gehirnlose", dieser schreckliche Anschlag sei durch nichts zu rechtfertigen: Er habe nichts mit dem Islam zu tun. Der Prediger der El-Iman-Moschee in Hamburg-Harburg setzt noch eins drauf: "Für uns sind das keine Muslime, auch wenn sie das von sich behaupten. Sie haben dem Islam mehr Schaden zugefügt als die Mohammed-Karikaturen."

Vor ihm sitzen schätzungsweise hundert Männer in dicht gedrängten Reihen auf dem blassgrünen Teppichboden, auch das Nebenzimmer und der Kellerraum sind gut gefüllt. Die Besucher hören die Predigt zweimal, erst auf Arabisch, dann auf Deutsch. Vorn in der Nähe der kleinen Kanzel findet sich ein Dutzend Bartträger in traditionellen Gewändern, die Mehrheit ist in Jeans oder Trainigshosen gekommen. Es sind viele junge Männer darunter, ein paar haben ihre kleinen Söhne mitgebracht, Frauen sind in keinem der Räume.

Die El-Iman-Moschee nahe dem Harburger Bahnhof gilt als eine von zwei Stadtteil-Moscheen, die seit geraumer Zeit radikale Islamisten anziehen. Der Verfassungsschutz beobachtet sie deshalb. Und der islamische Dachverband, dem die El-Iman-Moschee angehört, forderte den Vorstand auf, sich deutlich von Extremisten abzugrenzen, sonst drohe der Ausschluss.

Draußen peitscht ein Regensturm durch Hamburg-Harburg, einst Wohnort der Attentäter vom 11. September, nun müht sich drinnen in der Moschee der Imam um Abgrenzung. Er zitiert eine Koransure: "Wenn jemand einen Menschen tötet, der keinen anderen getötet hat und auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so ist es, als töte er alle Menschen." Damit macht er klar, der Anschlag von Paris ist wider den Islam: "Wir distanzieren uns von den Tätern, wir distanzieren uns von Hasspredigern – aber wir distanzieren uns auch von den Hetzmedien."

Dann geht er über zur Medienschelte, führt aus, wie ungerecht die große Mehrheit der friedlichen Muslime in Zeitungen und Fernsehen behandelt werde. Am Ende fordert er die Gläubigen auf, sich mehr der Gesellschaft und auch den unbeliebten Medien zu öffnen, um Vorurteile abzubauen. Nach dem abschließenden Gebet zwängen sich die Männer in Richtung Ausgang, vorbei an den kleinen Bücherregalen, in denen Koranexemplare und theologische Schriften stehen, fast nur in arabischer Sprache, ein französisches Exemplar ist darunter. Vorbei an dem kleinen Kiosk, in dem es Süßigkeiten und Getränke gibt, dazu das Handbuch für den neuen Muslim, es ist noch eingeschweißt und soll 15 Euro kosten. Viele der Moscheebesucher kennen sich, halten noch ein kurzes Schwätzchen, man hört kein Wort auf Deutsch.