Menschenkette nach dem Brandanschlag von Vorra in Bayern ©  David Ebener/dpa

Als der Wachmann das Zimmer im Asylbewerberheim Fürstenwalde betritt, kommt es zum Handgemenge. "Scheiß-Asylanten", soll er gebrüllt und eine Mutter vom Bett gezogen haben. So schildern es Bewohner. Er selbst sagt, er habe das Zimmer betreten, ohne nach dem Anklopfen ein Signal von drinnen abzuwarten. Er sei daraufhin angegriffen worden und habe sich verteidigt. Offenbar konnten sich die in dem Zimmer lebenden Frauen nicht mehr verschleiern.

Die Schuldfrage ist hier noch nicht geklärt. Doch die Tätlichkeit ist eine von vielen, die die Bundesregierung aus den Statistiken der Polizei von 2014 zusammentrug. 150 rechtsextremistisch motivierte Taten gegen Asylbewerber, Flüchtlinge und deren Wohneinrichtungen listet sie auf. Das sind dreimal so viele wie im Vorjahr. Damals schon hatte sich die Zahl verdoppelt. Zu den Taten zählen Sprengstoff- und Waffeneinsätze, Brandstiftung und Körperverletzung. Kundgebungen und Proteste hinzugerechnet, summieren sich die Vorfälle für das Gesamtjahr auf 240.

Auffällig ist die starke Zunahme im vierten Quartal 2014, wie aus den Antworten der Regierung auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke hervorgeht. In den drei Quartalen davor schlugen oder zündelten Täter im Schnitt 28 Mal – zwischen Oktober und Dezember zählten die Ermittler dann 67 Attacken. An der Spitze liegen Berlin und Sachsen, die nicht nur absolut, sondern auch im Vergleich zur Bevölkerungszahl die meisten Gewalttaten aufweisen. An dritter Stelle folgt Bayern.

Die letzten Monate von 2014 waren von mehreren neuen Entwicklungen geprägt: Bund und Länder beschlossen, viele Flüchtlinge aufzunehmen, vor allem aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Sie ließen Notunterkünfte errichten, vor denen protestierten die Ausländergegner. In Sachsen schaffte es die NPD nicht wieder in den Landtag, in Thüringen übernahm die Linkspartei die Regierungsspitze, der nationalkonservative Flügel der AfD erstarkte. In Dresden bildete sich das Bündnis Pegida, die Medien berichteten Woche für Woche über wachsende Zahl von Demonstranten auf den Straßen großer Städte in Ost und West.

Dezentrale Unterbringung

Ein gesellschaftliches Klima, in dem Ausländerfeinde es besonders leicht haben, sagt Günter Burkhardt von Pro Asyl. "Durch die hohe öffentliche Aufmerksamkeit für Pegida fühlen sich Rechtsextremisten bestärkt", so Burkhardt zuZEIT ONLINE. "Die Extremisten geben vor, zu vollziehen, was das Volk will." Pegida sei somit zur "Triebfeder rechter Gewalt" geworden. Auch für die Abgeordnete Ulla Jelpke ist offensichtlich: "Die rechten Wutbürger haben eine Stimmung geschaffen, durch die sich Neonazis ermuntert fühlen, Hakenkreuze zu schmieren und Brandanschläge zu verüben."

Burkhardt sieht auch in der Unterbringung der Flüchtlinge einen Grund für die Gewaltzunahme. "Sammelunterkünfte rufen Ängste in der Bevölkerung hervor, was auch ganz normal ist", sagte er. Deshalb sei eine dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen wichtig. 

Die Zahlen der Bundesregierung sind nur vorläufig. Mit "erheblichen Nachmeldungen" sei zu rechnen, heißt es in Berlin. Die Polizei hat noch bis Jahresende 2015 Zeit. Die Bundesregierung führt nur Deliktarten auf, also etwa Sachbeschädigung, Volksverhetzung, Herbeiführen von Sprengstoffexplosionen, Körperverletzung. 

Brandanschlag im bayerischen Vorra

Das erklärt auch die Differenzen zu einer Zählung von Pro Asyl und der Amadeu Antonio Stiftung. Sie kommen insgesamt auf 486 rechtsextremistisch motivierte Straf- und Gewalttaten, Proteste und Kundgebungen gegen Asylbewerber und Flüchtlinge. Pro Asyl und die Amadeu Antonio Stiftung werten Medienberichte aus und nutzen eigene Quellen. Die beiden Organisationen schildern konkrete Taten, anders als die Bundesregierung: Die brennenden Müllcontainer an einem Flüchtlingsheim in Heiligenhaus in NRW gehören noch zu den harmlosen Vorfällen. Einer der schwersten Attacken war der Brandanschlag auf drei Häuser im bayerischen Vorra, die als Wohnquartiere für Asylbewerber vorgesehen waren. Hakenkreuze deuten auf einen rechtsextremistischen Hintergrund der Tat hin.

Vorra etwa fehlt in der Liste der Bundesregierung, was die Abgeordnete Jelpke scharf kritisiert: "Die Angaben der Bundesregierung sind mit Vorsicht zu genießen, da sie offensichtlich unvollständig sind", sagte sie. Das gilt ihrer Meinung nach auch für Berlin. So etwa tauchten die vielen Demonstrationen in den Ostberliner Bezirken Marzahn-Hellersdorf und Köpenick in der Regierungsstatistik nicht auf.

Berlin ist auch ohne die Erwähnung der Proteste gegen die Asylbewerberunterkunft im Osten der Stadt Spitzenreiter bei rechtsextremistischen Attacken. "Es gibt in Berlin Stadtteile mit gefestigten rechtsextremistischen Strukturen", sagt Timo Reinfrank von der Amadeu Antonio Stiftung. Dort werde auch mehr Gewalt ausgeübt. Gerade Marzahn-Hellersdorf sei "ein Bezirk auf der Kippe".