Der Weg in den Untergrund von Havanna ist leicht zu finden, da blinken rot-grüne Lämpchen und zur Straße hin hängen weithin sichtbare Schilder: "Xcell!" "Smartphone-Reparaturen!" "24 Stunden!"  

Ich bin in der Seitenstraße eines vornehmen Viertels von Havanna gelandet, bürgerliche Einfamilienhäuser stehen links und rechts, auf ihren Verandas und in ihren Garagen kann man Smartphones kaufen. Junge Männer in schwarzen T-Shirts und mit Haartürmen auf dem Kopf – Neunzigerfrisuren mit viel Haltungsspray sind gerade das Ding in Havanna – gestikulieren hinter Klapptischen herum. Vor sich haben sie Türmchen gebaut aus Schraubenziehern, Platinen und Speicherchips.

Offiziell könnte ich hier mein Telefon oder meinen Computer reparieren lassen – dafür haben diese improvisierten Läden eine Lizenz, die meisten zumindest. Kubas Revolutionsführung hat vor ein paar Jahren ihren eisernen Griff auf die Wirtschaft gelockert und gegen die Zahlung von Gebühren bestimmte Arten von Privatunternehmen zugelassen. Mit großem Erfolg: In dieser Straße hat zum Beispiel auch ein Fachgeschäft für kopierte CDs und DVDs eröffnet, wo eine ältere Dame stolz ihre Lizenznummer präsentiert. Davor steht ein Verkaufsstand für Zwiebeln.

Inoffiziell kann ich bei den modischen jungen Männern all die schicken Geräte kaufen, die auf Kuba lange Zeit so schwer zu finden waren: Apple oder Samsung, neu oder gebraucht. Verwandte haben die Telefone und Tabletcomputer ins Land gebracht, Touristen haben sie verkauft, oder irgendein wohlhabender Kunde hat sie ausgemustert. Die Preise sind ungefähr doppelt so hoch wie in Europa. Ein Verkäufer bittet mich für den Kauf eines Geräts in einen Hauseingang. Nicht jeder soll die Geschäfte beobachten können – ein großes Geheimnis sind sie aber auch nicht.

"Man spürt den gesellschaftlichen Druck", erläutert ein Kunde, der neben mir gerade mit einem Samsung S4 liebäugelt, "die Leute achten auf diese Dinge. Ich habe im Augenblick noch ein altes iPhone 2. Meine Freunde fragen mich, was ich denn mit diesem Stück Schrott anfangen will!" Der Mann ist Ende 30, er trägt gepflegte Schuhe, eine weiße Stoffhose und darüber, leger, ein blaues Hemd. Smartphones seien das wichtigste neue Statussymbol auf Kuba, erläutert er. "Das – und am besten noch ein Auto, das in diesem Jahrhundert gebaut worden ist." Mit Goldkettchen und so etwas, sagt er ernst, könne man überhaupt niemanden mehr beeindrucken.

Auf Kuba bleibt bloß das Problem, dass kaum jemand Internetzugang hat. Datenzugang über die Mobiltelefonleitung hat hier kein Mensch, Wifi-Hotspots gibt es bloß in Touristenhotels für fast 10 Euro pro Stunde, viele Webseiten und Funktionen sind gesperrt. Wozu kaufen die Leute dann um Himmels Willen alle Smartphones?

Der Verkäufer schaut mich so verwundert an wie ich ihn. "Naja, was wollen Sie denn machen?" Meine Google-Karte online benutzen, sage ich, damit ich mich in Havanna orientieren kann, zum Beispiel. Der Händler zückt ein Kabel, Sekunden verstreichen, mein iPhone kennt die komplette Straßenkarte der Karibik auswendig – offline. "Und für 5 Euro im Monat", sagt der Verkäufer und deutet auf eine geschäftig blinkende Festplattenstation in der Ecke, "bekommen Sie hier das Internet. Nein, wir sind auch offline. Es gibt aber Leute auf Kuba mit Internetzugang, die jede Woche Terabytes aus dem Netz laden – Musik, Videos, Magazine, alles. Wir kopieren diese Festplatten, sie gehen in der ganzen Stadt herum, fast so schnell wie das Internet. Bedienen Sie sich – laden Sie auf Ihr Smartphone herunter, was Sie wollen!"

Ich verlasse Mamas-Veranda-Cybershop und laufe zur Hauptstraße zurück. An der Ecke fällt mir eine Niederlassung von Cubacel auf, so heißt der staatliche Mobiltelefonbetreiber. "Wichtige gesetzliche Änderung seit dem 5. Februar", steht auf einem Hinweisschild. Aufgehoben sei ab sofort die alte Regelung, wonach jeder Bürger Kubas nur ein einziges Mobiltelefon registrieren durfte. Künftig darf jeder drei haben.