Bisher machte Franziskus den Eindruck eines Heiligen Opis. Er hörte Kindern zu, trocknete ihre Tränen, beantwortete aufmerksam ihre Fragen. Wenn sie im Altarraum herumturnten, lächelte er sie an oder schnitt Grimassen. Als sich einmal ein Junge auf den roten Samtsessel des Papstes setzte, ließ Franziskus den Kleinen gewähren. Das Video dieser Szene wurde millionenfach geklickt. Verzückt schrieben Kommentatoren: Seht her, das muss gemeint gewesen sein, als Jesus sagte: "Lasset die Kinder zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich." Jesus liebt ihn, den alten Franz. So sah es aus.

Doch jetzt das: Bei einer Generalaudienz am Mittwoch sprach Franziskus über eines seiner Lieblingsthemen, die Familie. Es ging um die Rolle der Väter. Die müssten in ihren Familien präsenter sein, forderte er. Da klang er fast wie Manuela Schwesig. Dann kam er allerdings ins Erzählen. Er erinnerte sich an einen Vater, den er habe sagen hören: "Ich muss meine Kinder manchmal ein bisschen hauen, aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu erniedrigen." Franziskus, durchaus geübt in der Kulturtechnik der Kritik, fiel dazu nichts anderes ein als ein Lob. "Wie schön", seufzte er. Dieser Vater kenne den Sinn der Würde. "Er muss bestrafen, er macht es aber gerecht und geht dann weiter."

Der Papst hält also das Schlagen von Kindern für in Ordnung? Die üblichen Eindämmungsstrategien nach missglückten päpstlichen Sätzen ziehen hier nicht. Das Zitat ist nicht aus dem Zusammenhang gerissen, seinen Sinn haben Journalisten nicht ins Gegenteil verkehrt. Mag sein, dass der alte Herr gesundheitlich angeschlagen ist. Aber klar ist: Er denkt so. Mutti bereitet mit Liebe ein gemütliches Heim, Vati sorgt für Zucht und Ordnung.

Mein Gott, Franz! Es gibt ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Das gilt zwar nicht überall, aber es ist ein gutes Recht, für das die Kirche durchaus streiten könnte. An diesem Recht gibt es nichts zu relativieren. Es ist ein Menschenrecht. Und Katholiken sind – Karnickel hin, Schäfchen her – auch Menschen.

Ist Franziskus dabei, zum vatikanischen Ernst August zu werden, zum Prügel-Papst? Barmherzigkeit, Liebe, Wunden heilen – alles nur schönes Gerede? Schon vor einigen Wochen hatte der 78-Jährige schlagfertig Würde mit Faustrecht kombiniert. Der Heilige Sohn, so erfuhr die Öffentlichkeit, würde jedem eins ins Gesicht geben, der seine Mutter beleidige. So sei es auch mit der Beleidigung der Religion; die Religion habe eine Würde, die nach Ansicht des Pontifex mit durchaus robusten Mitteln gerettet gehört.

Der Papst sollte einfach mal schweigen

Seine Kirche hat der Papst zur offenen Debatte über Familienfragen ermuntert, jetzt lässt er durchblicken, dass er als Heiliger Papa auch anders kann als diskursiv. Wenn die Kinder zu ungezogen werden, gibt es eben eins aufs Hinterteil. Den veralteten deutschen Spruch: "Ein kleiner Klaps hat noch keinem geschadet", kennt man sicher auch in Argentinien. Den Grundgesetzartikel zur körperlichen Unversehrtheit nicht unbedingt.

Franziskus liest nach eigenen Angaben ganz gern. Er könnte zu den Erziehungsratgebern von Jan-Uwe Rogge, Remo Largo oder Jesper Juul greifen. Dann sähe er, dass Männer Konflikte nicht mit der Faust regeln müssen. Falls diese Bücher dem Oberhaupt zu wenig katholisch sind: Er könnte auch ein katholisches Bildungswerk in Deutschland besuchen, da gibt es Kurse wie Starke Eltern, starke Kinder. Dort lernen Mütter und Väter, ohne Prügel Grenzen zu setzen. Am besten aber wäre, wenn er beim Thema Mutter, Vater, Kind einfach darauf verzichten würde, wie der Großvater in der Werthers Echte-Werbung alte Geschichten vorzulesen, die ins eigene Bild passen. Stattdessen einfach mal schweigen und hinsehen, was in Familien wirklich los ist.

Franziskus hat gestern auch über die "Plage" des sexuellen Missbrauchs in der Kirche gesprochen. Da dürfe es keine Gnade geben, sagte er. Viele, die als Kinder und Jugendliche in kirchlichen Heimen geprügelt und missbraucht wurden, kämpfen seit Jahrzehnten um ihre Würde. Sie haben eine Kirche erlebt, in der die Institution mehr zählt als das Opfer, in der Korpsgeist wichtiger ist als Gerechtigkeit. Hier hat Franziskus noch einiges zu tun, um als gerechter Vater zu wirken. Noch hat er nicht bewiesen, dass er diese harte Auseinandersetzung tatsächlich sucht.

Strafen haben Täter verdient, nicht Kinder. Die Haudraufrate in katholischen Haushalten wird aber trotz des päpstlichen Segens nun gewiss nicht steigen. Ihren Päpsten gehorchen Katholiken nämlich schon lange nicht mehr.